Artikel für 'Junge Kirche' zur Ökumenischen Friedenskonvokation

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EHRE SEI GOTT UND FRIEDE AUF ERDEN

 Ökumenische Friedenskonvokation 2011

Geiko Müller-Mahrenholz

Schwer zu sagen, ob die Delegierten der neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 2006 in Porto Alegre wussten, was sie taten, als sie zwei Dinge beschlossen: das Ende der Dekade zur Überwindung von Gewalt mit einer Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation zu beschließen und eine Ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden zu fordern, die auf der Konvokation verabschiedet werden soll. Jedenfalls stellen diese Entscheidungen für mich ein Zeichen prophetischer Geistesgegenwart dar.

Warum das anspruchsvolle Wort von der "prophetischen Geistesgegenwart"? Weil ein überzeugendes ökumenisches Friedenszeugnis heute dringender ist als je. 

Da ist zum Ersten  der weltpolitische Kontext. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die kommenden Jahre von immer härteren kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sein werden. Schon jetzt lässt sich der "Krieg gegen den Terror" als ein Krieg um die Sicherstellung der Ölquellen im Mittleren Osten für die USA - und die EU - verstehen. Die Regierung von Präsident Bush hat dies zwar immer wieder zu verschleiern versucht, aber die seit 2003 gültige Militärdoktrin erlaubt an dieser Interessenlage keine Zweifel. Was die Absichten der EU  betrifft, so gibt der Verfassungsvertrag von Lissabon deutlich zu erkennen, dass die Absicherung der für vital gehaltenen Ressourcen, wo immer diese sich befinden, militärische Interventionen rechtfertigt (So vor allem in §28). Wenn wir zudem bedenken, dass die weltweit verfügbaren Ölreserven inzwischen ihren Höhepunkt überschritten haben dürften, während der Hunger nach Öl insbesondere in China und Indien  rasant ansteigt, ist eine Verschärfung der Verteilungskämpfe und damit auch der kriegerischen Auseinandersetzungen zu befürchten. Dass in diesem Kontext auch eine neue nukleare Aufrüstung befürchtet werden muss, lässt sich schwerlich bestreiten. Zugleich verschärft der - euphemistisch so genannte - "Klimawandel" die Gefahr von Kriegen und Bürgerkriegen. Zunehmende Dürren in einigen Teilen der Erde sowie Überflutungen in tief liegenden Gebieten und, damit verbunden, die Verknappung von Trinkwasser und Lebensmitteln, wie z.B. Reis, Mai und Weizen, dürften Flüchtlingsströme und Massenunruhen auslösen. Die aktuelle Welternährungskrise mutet wie ein Vorspiel an. Damit wird die ohnedies bereits skandalöse Diskrepanz von reichen und armen Sektoren der Weltbevölkerung noch größer werden, was die Eskalation von Gewalt befördert.

Dies sind, in allzu knappen Worten, die wesentlichen Züge der "selbstgemachten Endzeit", die unsere Epoche prägt. Mit "Endzeit" ist die realistische Möglichkeit der Selbstvernichtung gemeint, welche die Menschheit seit Hiroshima 1945 prägt.

Zum Zweiten: Dieses "endzeitliche Gefahrensyndrom" ist nicht nur "äußerlich" in dem Sinne, dass es unsere "innere" Verfassung unangetastet ließe. Im Gegenteil, die Unanschaulichkeit und  Neuartigkeit der Gefahren - Günter Anders hat dafür schon vor Jahrzehnten angesichts der nuklearen Selbstvernichtungsgefahr den Begriff der "Überschwelligkeit" geprägt - schaffen auf der psychischen Ebene eine Art von seelischer Erschöpfung, die nicht einfach mit ethischen Appellen aufgebrochen werden kann. Vielmehr handelt es sich hier um eine Art von Gefühllosigkeit, die sowohl intellektuelle Anstrengungen wie praktische Konsequenzen unter einem Nebel von Apathie begräbt. Wir haben es mit "massive denial" zu tun, also mit einer in vielfältigen Formen auftretenden massiven Verweigerungshaltung gegenüber der Größe der globalen Gefahren. Das gilt auch für die Kirchen und im weiteren Sinne, für die Religionen der Welt.

Es ist nicht von ungefähr, dass die von Menschen gemachte "Endzeitsituation" eine globale Welle von Fundamentalismen ausgelöst hat. Angesichts einer Welt, die als von Grund auf pervertiert erscheint, gewinnen die Verkündigung einer radikalen Distanzierung von "der Welt" und die Verheißung eines seligen Lebens nach dem Tod große Attraktivität. Dass gerade in den USA eine markante Zunahme fundamentalistischer Auffassungen beobachtet werden kann, ist symptomatisch und nicht verwunderlich.  Denn eine fundamentalistische Sicht der Weltgeschichte eröffnet die Möglichkeit, die  globalen Krisen als endzeitliche, von Gott  verordnete "Trübsal" zu verstehen und damit aus der menschlichen Verantwortung herauszulösen. Das hat eine ungeheuer entlastende Funktion. Das globale Gewaltsystem bekommt eine gottgewollte Unausweichlichkeit. Wer für den Frieden zwischen den Völkern oder mit der Schöpfung oder für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit für die Notleidenden der Welt eintritt, erscheint damit als einer, der Gott "ins Handwerk pfuschen" will. Eine Versöhnung zwischen verfeindeten Völkern passt nicht in das dualistische Weltbild, da zwischen den Kindern des Lichts und den Söhnen der Finsternis kein Frieden denkbar ist.

Es gibt jedoch auch andere, weniger dramatische Formen einer christlichen Verweigerungshaltung. Ich denke an die Tendenzen, die jeweilige konfessionelle "Identität" zu betonen oder die "Gemeinde" als eine Art religiöse "Wellness-Nische" zu betrachten und ökumenische oder andere globale Herausforderungen auszublenden.

Diese Andeutungen sind keineswegs ausreichend, aber sie mögen genügen, um den Kairos zu bezeichnen, in dem die Entscheidung des ÖRK für eine Friedenskonvokation steht. Es ist das präzedenzlos neue "endzeitliche Szenario" mit seinen gravierenden äußeren wie inneren Auswirkungen, das eine Neubestimmung einer christlichen Theologie und Ethik des Friedens erforderlich macht.

Es kommt also einerseits alles darauf an, die seelische Widerstandskraft und Belastbarkeit wiederzugewinnen, um couragiert und entschlossen für den Frieden in der Welt eintreten zu können. Ohne Empathie gibt es keine Mit-Leidenschaft ( compassion ), und ohne solche Compassion keinen gerechten Frieden.

Zum anderen kommt es darauf an, die Konturen der weltweiten Gefährdungen möglichst wahrheitsgetreu und nüchtern zu erfassen; denn angesichts der bedrohlichen "Überkomplexität" wächst die Neigung, die Probleme zu vereinfachen oder zu beschönigen.

Wenn wir eine zeitgemäße und geistesgegenwärtige Theologie und Ethik des Friedens entwickeln wollen, können wir dies letztlich nur im Rahmen einer repräsentativen Gemeinschaft von Kirchen weltweit - also im Rahmen des ÖRK tun.

Aber ist der christliche Friedensbegriff geeignet, der Massivität der angedeuteten Gefahren gerecht zu werden? Diese Frage ist berechtigt; denn die Kirchen haben zugelassen, dass ihre Rede vom Frieden  farblos  geworden ist, "billig" in dem Sinne, wie Bonhoeffer von der "billigen" Gnade gesprochen hat. Nicht ohne Grund hat der ethische Diskurs in der ökumenischen Bewegung den Begriff des "Friedens" um die Begriffe "Gerechtigkeit" und "Bewahrung der Schöpfung" ergänzt. Wie schwierig es ist, diese Trias theologisch und  ethisch zu entfalten und in praktische Folgerungen zu überführen, hat die erste Konvokation des ÖRK, die 1990 in Seoul stattfand, deutlich gezeigt. Es ist ja auch nicht von ungefähr, dass Porto Alegre im Blick auf die ökumenische Erklärung den Begriff des "gerechten Friedens" aufnimmt.

Wir haben daher einen Vorbereitungsprozess entwickelt, der versucht, diese Aufgabe in acht Themengebieten in Angriff zu nehmen

  • Gewalt in der Theologie und Theologie gegen Gewalt: Wir gehen selbstkritisch mit der Erbschaft der Gewalt in der Geschichte des Christentums um.
  • Innerer Friede: Wie können wir die Leiden und Leidenschaften, die uns selbst zerstören, überwinden?
  • Friede beginnt zu Hause: Wir bemühen uns um die Prävention von häuslicher Gewalt, die vielfach auch sexuelle Gewalt ist.
  • Friede in der virtuellen Welt: Wir wehren uns gegen die Gewaltunterhaltungsindustrie, deren wichtigste Zielgruppe die Jungen und jungen Männer sind, und entwickeln Alternativen. 
  • Friede auf Straßen und Plätzen: Mit welchen Möglichkeiten können wir Jugendgewalt einschränken und jungen Menschen sinnvolle Lebenschancen eröffnen?
  • Friede auf Erden ist Friede mit der Erde: Wir treten dafür ein, dass die Erde eine nachhaltig-lebensfähige Heimat für alle Geschöpfe Gottes bleibt.
  • Friede auf den Märkten der Welt: Wir kämpfen für ein würdiges Leben aller Menschen zwischen den Extremen von absolutem Mangel und schamlosem Überfluss.
  • Macht Frieden, nicht Krieg!: Wir werden Teil der Widerstandsbewegungen gegen die alten und neuen Kriege, ihre Verfechter, Agenten und Nutznießer.

Diese Auflistung mag eine Prioritätensetzung suggerieren. Doch das wäre ein Missverständnis. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um Themenfelder, die einander spiralförmig zugeordnet sind. Die Spirale ist ein eindrucksvolles hermeneutisches Modell, um ein Kräftefeld zu beschreiben, das von dem Zentrum nach außen wirkt und von außen auf das Zentrum zurückführt. So lässt sich gut verständlich machen, warum persönliche, soziale, ökonomische, politische und ökologische Aspekte des Friedens aufeinander bezogen sind und sich wechselseitig bedingen.

So spricht man ja auch nicht ohne Grund von den Gewaltspiralen, die das Leben einzelner Menschen mit dem Wohl und Wehe ganzer Gesellschaften und sogar der sie tragenden Ökosysteme verschmilzt. Gerade wenn wir die psychische Innenseite globaler Entwicklungen in unsere Überlegungen einbeziehen, erweist sich, wie sinnvoll die hermeneutische Figur der Spirale ist.

Die Beschäftigung mit den einzelnen Themenfeldern geschieht in Fachkonsultationen, die von den verschiedenen Programmeinheiten des ÖRK in Zusammenarbeit mit kirchlichen und wissenschaftlichen Trägern in verschiedenen Ländern durchgeführt werden. Darüber hinaus werden Ergebnisse von thematischen Veranstaltungen aller interessierten Gruppen, die dies wünschen, vom Genfer Büro der Friedenskonvokation in einem Newsletter veröffentlicht.

So wichtig die Beschäftigung mit diesen Einzelfragen auch ist, so wird es doch bei der Friedenskonvokation 2011 in Kingston, Jamaika, darauf ankommen, alle Fäden wie in einem Teppich zusammen zu knüpfen. Das wird aber nur möglich sein, wenn das Zentrum der Spirale eindeutig herausgestellt wird. Dazu gibt das Motto der Friedenskonvokation prägnante Hilfestellungen. Es lautet: "Ehre sei Gott, und Friede auf Erden".

Nun aber klingen diese Worte so vertraut, dass man sich von ihnen keine neuen Einsichten mehr erwartet. Blicken wir jedoch genauer hin, so ergeben sich wegweisende Erkenntnisse.

 

1. Das Motto verbindet "Gott" und "Friede".

Es ist dieser Tage in manchen Kreisen chic geworden, die Religionen, vor allem jedoch die monotheistischen, als Komplizen gewalttätiger Auseinandersetzungen zu bezeichnen. Ihr Gottesbild fördere die Gewalt zwischen Völkern und Nationen. Folglich sähe die Welt ohne diese Religionen sehr viel friedlicher aus.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hingegen insistiert darauf, dass der Verweis auf den Gott, wie er uns in der Bibel begegnet, für eine substantielle Theologie und Ethik des Friedens konstitutiv ist.  Damit wird zugleich behauptet, dass die Begründung für unseren Friedensbegriff nur in unserem Gottesverständnis liegen kann. Das ist nicht unproblematisch, wissen wir doch gerade auch aus vielen biblischen Texten, dass dort durchaus auch von einem gewalttätigen Gott die Rede sein kann. Und es fehlt auch nicht an Hinweisen auf die Tatsache, dass im Zentrum unseres Glaubens ein Akt von außerordentlich brutaler Gewalt steht, nämlich die Kreuzigung Jesu von Nazaret. Nun lässt sich aber gerade im Blick auf die Kreuzigung behaupten, dass hier die Gewalt keineswegs sanktioniert, sondern ausgehalten und damit überwunden wird.

Ich kann diese Fragen hier nicht weiter ausführen, will jedoch den Anspruch in dem Motto festhalten und unterstreichen: Wenn wir als ökumenische Gemeinschaft der christlichen Kirchen einen belastbaren Friedensbegriff entwickeln wollen, dann können wir das nicht ohne Bezug auf einen substantiellen Gottesbegriff tun.

 

2. Gottes Ehre und Gottes Friede sind nicht voneinander zu trennen.

Es ist nicht ohne Hintersinn, dass es in der bekannten Weihnachtsgeschichte Engel sind, die in ihren Lobgesängen die Ehre Gottes in den Höhen mit dem Frieden auf Erden und dem göttlichen Wohlgefallen, das den Menschen gilt, verbinden. Das Loblied der Engel trennt Gottes Ehre, Macht und Gewicht nun eben nicht von dem Frieden auf Erden, sondern sieht sie genau in diesem Frieden und in diesem Wohlgefallen verwirklicht. Das Gottsein Gottes ist bei dem Kind in der Krippe. Dieser Sohn begründet und erhellt die Vaterschaft Gottes. Gottes Herrlichkeit ist verherrlicht in dem Frieden, welcher der ganzen Erde gilt und in dem Wohlgefallen, das alle Menschen trägt. Gottes Friede erfüllt Himmel und Erde. Das "pleroma", die Fülle, Gottes manifestiert sich in der Inkarnation.

Wenn also Gottes Ehre und Gottes Frieden untrennbar miteinander verbunden sind, hat das Folgen für unseren Gottes-Dienst. Das Gotteslob und die Arbeit am Gottesfrieden sind ebenfalls untrennbar miteinander verbunden. Doxologie ist so etwas wie der cantus firmus in unseren Friedensdiensten. Doch wie bereitwillig trennen wir unsere "schönen Gottesdienste" von dem mühseligen Alltag! Wie gern flüchten wir uns in erhebende Klänge, um der gewalttätigen Misere für einige Momente zu entkommen! Das Motto aber hält Sonntag und Alltag zusammen.

 

3. Gottes Friede als Friede mit der Erde.

Wir haben die Weihnachtsgeschichte oft nur unter dem Aspekt der Erlösung betrachtet. Dabei ist uns entgangen, dass sie auch deutliche Hinweise auf den weltgeschichtlichen und schöpfungstheologischen Zusammenhang enthält. Gottes Ehre verwirklicht sich in dem Frieden auf Erden und mit der Erde. Ja, es scheint, als sei der ausdrückliche Verweis auf die Erde in dem Lied der Engel eine Aufhebung des Fluches, mit dem nach dem Sündenfall von Adam und Eva die Erde belegt wird. ( Vgl. Gen. 3.17: "Verflucht sei der Acker um deinetwillen!") 

Das können wir Gottes "Schöpfungsfrieden" nennen. Um es mit dem Biologen Körber zu sagen: "Friede ist der höchste Spannungszustand, den ein Organismus schöpferisch aushalten kann." Dies ist eine spannende Definition von Frieden, die auch im Rückbezug auf das biblische Verständnis sehr viel Sinn macht. Was die biblischen Begriffe "Schalom" und "Gerechtigkeit" miteinander verbindet, ja geradezu austauschbar macht, ist ihr relationaler Charakter. Ihr gemeinsames Kriterium besteht darin, die Verhältnisse zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und der Erde lebensdienlich zu machen, die Spannungszustände, in denen alles Leben sich bewegt, schöpferisch auszuhalten und zu erhalten. Im Neuen Testament wäre natürlich in erster Linie auf das Lebenszeugnis und den Tod Jesu zu verweisen; denn bei ihm ist der Gottesfriede mit Händen greifbar, und zwar als Heilung kranker Menschen, als Reintegration ausgestoßener Menschen, als Kritik an der systemischen Gewalt der Machthaber, als unbedingtes Festhalten an der Gewaltfreiheit, nicht zuletzt in der Kreuzigung. Darum ist er "unser Friede", wie Eph. 2.14 festhält. In ihm ist die "Fülle Gottes", wie es pointiert in den deuteropaulinischen Briefen heißt,  vor allem in  Eph.  1, 17-22 oder  Kol 1, 12 - 29. Die "ganze Fülle der Gottheit" wohnt in ihm. ( Kol. 2.9 ) Darum ist Jesus auch zu Recht als "Schöpfungsmittler" beschrieben worden.

 

4.  Der Friede Gotte transzendiert unsere Friedensvorstellungen.

Wir lesen im Philipperbrief, dass der Friede Gottes "höher ist" als unsere Vernunft. Er stellt also die Transzendierung der Konzepte und Fähigkeiten dar, zu denen unsere Vernunft fähig ist. Das gilt auch für unsere Friedenskonzepte. Ich halte das für ein außerordentlich wichtiges Korrektiv. Wir sind nicht dazu da, unsere rivalisierenden Vorstellungen, wie die Welt auszusehen hätte, durchzusetzen. Vielmehr besteht unsere Aufgabe darin, unsere unterschiedlichen Begriffe, Vorstellungen und Visionen von dem Gottesfrieden her beurteilen und korrigieren zu lassen und miteinander in eine kreative Beziehung zu setzen.

Für mich hat dieser Aspekt eine weit reichende hermeneutische Relevanz. In der Regel führen unsere unterschiedlichen Auffassungen dazu, dass wir Prioritäten setzen, über die wir dann in endlose Zwistigkeiten geraten. Wenn wir allerdings von dem Frieden Gottes als der transzendierenden Größe ausgehen, können wir unsere unterschiedlichen Friedensbemühungen als Momente innerhalb einer interdependenten Suchbewegung verstehen.

 

5. Der Friede Gottes "bewahrt" unsere Herzen und Sinne.

Um noch einmal auf  den Satz zurückzugreifen, der in dem Brief an die Christen in Philippi steht: " Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!" Dieses "Bewahren" brauchen wir dringender als alles andere. Ich habe von der grassierenden Gefühllosigkeit angesichts untragbar erscheinender Verantwortung und unlösbar erscheinender globaler Krisen gesprochen. Zynismus und Verzweiflung, Verdrängung und ohnmächtiger Zorn sind Anzeichen dafür, dass unsere Herzen ihren Halt verlieren und unsere Sinne gefühllos werden können. Darum ist das "Bewahren" so wichtig. Damit meine ich so elementare Dinge wie Trost und Ermutigung, Halt und Zuversicht, Vertrauen und Lebensfreude. Oder ganz elementar: Widerstandsenergie. Wir brauchen den inneren Halt, um empfänglich zu bleiben, empfindsam angesichts der seelischen Verhärtungen, weitherzig angesichts egozentrischer Engherzigkeit, großmütig angesichts muffeliger Ängstlichkeit.

Es sind noch drei Jahre bis zur Friedenskonvokation. Es ist noch sehr viel zu tun, und es darf nicht alles der personell und finanziell geschwächten Genfer Zentrale des Ökumenischen Rates überlassen werden. Je intensiver sich Kirchen und Gemeinden, Fakultäten und Fachgruppen - nicht zuletzt aus dem interreligiösen Raum! - beteiligen, desto größer wird die Chance, dass die Konvokation wirklich zu einem überzeugenden und gewinnenden Zeugnis für den Frieden wird.

 

"Junge Kirche. Unterwegs für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", Jg. 69., 3/2008.