Ehre sei Gott und Friede auf Erden

pdf-Version zum Herunterladen (117 Kb)

Ehre sei Gott und Friede auf Erden

 Friedenskonvokation des Ökumenischen Rates der Kirchen in 2011

 Geiko Müller-Fahrenholz

 

1. Was ist eine Konvokation? Was soll sie erreichen?

"Konvokation" ist im Grunde eine Notlösung. Er soll gewichtiger sein "Versammlung" oder "Konferenz", zum anderen aber verbietet sich, vor allem aus Sicht der Orthodoxen Kirchen, der Begriff, der eigentlich gemeint ist: Konzil.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat schon einmal eine Konvokation durchgeführt, und zwar 1990 in Seoul/ Korea zum Thema "Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung". Im Vorfeld hatten viele engagierte Gruppen im Sinne des jungen Bonhoeffer ein Konzil gefordert, also ein gemeinsames und verbindliches Zeugnis der christlichen Kirchen gegen die immer bedrohlicher werdende Trias von Ungerechtigkeit, Unfrieden und Verödung der Schöpfung. Damals ist entschlossen und gezielt von einem "konziliaren Prozess" gesprochen worden, der nicht nur ein ethisches Programm zum Gegenstand hat, sondern das Kirchesein von Kirche berührt. Man hat also bereits im Vorfeld von Seoul und im Blick auf diese ethische Trias den Zeugnischarakter einer Konvokation unterstrichen. Und man hat  gewusst, dass mit dem Zeugnis das Kirchensein von Kirche auf dem Spiel steht.

So gesehen, ist das Wort "Konvokation" mehr als eine Notlösung, denn wir können es vom Wortsinn her als Con- Vocation, als gemeinsame Berufung, verstehen. Es geht also auch bei der Friedenskonvokation um mehr als ein ethisches Thema. Mit diesem Thema steht unser Selbstverständnis als Kirchen zur Debatte.

Nun gehören freilich Worte wie "Zeugnis" oder "Berufung" zu den Begriffen, die durch zu viel unbedachten Gebrauch abgenutzt worden sind. Vielleicht ist es nötig, den biblischen Begriff der "martyria" ins Gedächtnis zu rufen. Bei diesem griechischen Wort denken wir an "Märtyrer", an die Frauen und Männer, die ihr Zeugnis mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie erinnern uns daran, dass unser christliches Zeugnis immer auch eine Sache auf Leben und Tod sein kann, und  darum geht es auch heute. Das zu unterstreichen, ist im nachchristlichen Europa, wo der christliche Glaube oft als eine beliebige, risikolose Sache betrachtet wird, durchaus wieder nötig.

Nun also hat der ÖRK auf seiner Vollversammlung in Porto Alegre 2006 beschlossen, dass es zum Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt eine Friedenskonvokation geben solle. (Nach den bisherigen Planungen soll sie im Mai 2011 stattfinden. Der Ort der Konvokation wird im Februar 2008 bestimmt.)

Da stellt sich die Frage: Wenn mit der Wahl des Begriffes "Konvokation" eine deutliche Verbindung zur 1. Konvokation in Seoul hergestellt wird, dann überrascht die Konzentration auf den Begriff des Friedens. Wird damit die ethische Trias von Seoul auf den Friedensbegriff reduziert?

Durchaus nicht. Die Konvokation von 2011 wird ein umfassendes und radikalisiertes Friedensverständnis entwickeln müssen. Ein Friede, der die vielen Aspekte von Gerechtigkeit missachtet, ist ein fauler Friede, ein Verrat an den Opfern der grassierenden Ungerechtigkeiten. Und ein Friede, der die Bewahrung der Schöpfung unbeachtet lassen wollte, wäre eine Illusion. Es muss daher klar sein, dass die Friedenskonvokation von 2011 ein weiterer Schritt in dem konzilaren Prozess und insofern eine Fortsetzung der Tagesordnung von Seoul darstellt. Die Rahmenbedingungen sind insofern etwas verändert, als die  Dekade zur Überwindung von Gewalt den allgemeinen Bezug darstellt. Sieht man sich jedoch die Arbeit der Kirchen in dieser Dekade an. so wird rasch deutlich, dass die Themen des konziliaren Prozesses auf vielfältige Weise darin vorkommen. Vor allem spielt die Frage der Überwindung der ökonomischen Gewalt eine starke Rolle.

 

2. Das Motto: Ehre sei Gott und Friede auf Erden  

Ob die Delegierten der Vollversammlung die Reichweite ihrer Entscheidung voll realisiert haben, steht dahin. Einige haben vielleicht nur an eine Art Abschlussfest für die Dekade zur Überwindung von Gewalt gedacht. Es ist ja auch nicht von ungefähr, dass dieselbe Vollversammlung beschlossen hat, bei der Konvokation solle eine ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden verabschiedet werden. Verrät der Ausdruck "gerechter Frieden" ein implizites Unbehagen mit einer Beschränkung auf den Gedanken des Friedens?

Eine solche Motivationsforschung trägt wenig aus. Sehr viel wichtiger erscheint mir, die Entscheidung für eine Friedenskonvokation und für eine Friedenserklärung als eine Gelegenheit, als einen Kairos u verstehen, damit die Kirchen der Welt angesichts der sich anbahnenden Katastrophen des 21. Jahrhunderts ihr Zeugnis vom Frieden markant formulieren und entschlossen bewähren.

Es ist darum bedeutungsvoll, sich auf das Motto der Konvokation zu besinnen: "Ehre sei Gott und Friede auf Erden.". Dieses Motto schafft nämlich in einigen grundsätzlichen Fragen Klarheit.

1. Es verweist bei der Suche nach Frieden auf Gott. Dieser transzendentale Bezugspunkt ist dem säkularisierten Friedensdiskurs abhanden gekommen. Oder anders ausgedrückt: Die Kirchen schulden diesem Diskurs den deutlichen Verweis auf Gott. Und zwar auf eine ganz bestimmte Weise: Es geht nicht um irgendeinen transzendentalen Bezugspunkt. Für uns Christen ist Gott in Jesus zur Welt gekommen. "Den aller Welt Kreis' nie beschloss, der liegt in Marien Schoss." (Martin Luther ) Es ist ja nicht von ungefähr, dass das Motto aus der bekannten Weihnachtsgeschichte stammt. In dem Gesang der Engel wird Gottes Ehre mit dem Frieden auf Erden eng verbunden. Warum? Weil das ein und dieselbe Bewegung ist. In dem Frieden, den Gott zur Erde bringt, kommt Gottes Ehre zum Ausdruck. Gottes Ehre und Ruhm und Herrlichkeit lassen sich von Gottes Frieden, Gottes Wohlgefallen mit den Menschen und Gottes Welterbarmen nicht trennen.

Wenn Gott sich auf diese Weise in dem Unfrieden, dem Leid und dem Irrsinn der Welt erkennbar gemacht hat, dann besteht christliche Martyria darin, für diesen Gottesfrieden einzutreten, ihn bewährend wahr zu machen.

Das bedeutet nun freilich auch, dass sich unsere Verehrung Gottes von unserem Eintreten für den irdischen Frieden nicht trennen lässt. So wie es eine Selbsttäuschung ist zu meinen, man könne die Liebe zu Gott von der Liebe zu unseren Mitmenschen trennen - eine Illusion, auf die der 1. Johannesbrief nachdrücklich verweist.

2. Es sind also primär nicht unsere - rivalisierenden - Friedenskonzepte, die wir zur Geltung zu bringen hätten. Vielmehr kommt es auf unsere gemeinsame Konzentration auf Gottes Frieden an. Und dieser kann uns zu einem umfassenden Verständnis dessen verhelfen, was zu unserem Frieden dient. Aus dieser Perspektive gehören Schöpfungsfriede und Seelenfriede ebenso zusammen wie friedliche Nachbarschaft zwischen den Völkern der Erde, faire Bedingungen für den Welthandel und liebevolle Lebensbedingungen für Kinder und junge Menschen.

Das heißt aber auch, dass wir von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten aus an dem Gottesfrieden mitarbeiten können. Damit lassen sich fruchtlose Debatten über Prioritäten vermeiden, also über die Fragen, was denn nun wichtiger sei, der häusliche Friede oder der politische oder der ökonomische, und so weiter. (Die Konvokation in Seoul hat unter dem mühseligen Streit gelitten, was denn nun wichtiger sei, Gerechtigkeit oder Friede oder die Schöpfungsbewahrung. Dabei sind alle drei Facetten desselben Problems.)  Um also die engen Relationen zwischen diesen vielfältigen "Einstiegspunkten" aufzuzeigen, kann uns das Modell der Spirale nützlich sein. Bei einer Spirale können wir uns die Bewegung von innen nach außen, vom kleinsten zum größten vorstellen Wir können diese Bewegung aber auch vom äußersten Rand zurückführen bis zum Kern. In einem spiralförmigen Ansatz kommen wir alle mit unseren jeweiligen Beiträgen vor und vertrauen darauf, dass sie mit der Arbeit anderer Gruppen, Kirchen oder Bewegungen zusammenpassen. Freilich hilft uns die Denkfigur der Spirale auch zu der Einsicht, dass wir mit einem fehlenden Engagement auch Leerpunkte bilden und Anschlussbewegungen vereiteln können. Dann stecken wir, ohne dass wir es merken, in der gegenläufigen Spirale der Gewalt.

3. Der Verweis auf den Frieden Gottes hat nicht nur eine kritische, sondern auch eine tröstende und motivierende Funktion. Er geht, wie der Apostel Paulus den Philippern schreibt, nicht nur weit über unser Denken hinaus, er "bewahrt auch unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn" ( Kap. 4.7). Auf eine solche Bewahrung kommt es nämlich an, wenn wir uns das ganze Unheil der Weltlage vor Augen führen, vor welchem unsere Friedensbemühungen geradezu lächerlich aussehen. Zynismus, Verzweiflung und Apathie drohen an allen Ecken.

Die "Bewahrung" kommt von Jesus, den Paulus den Christus nennt, den Erlöser, den Auferstandenen. Am Ostermorgen wird  der Friede, von dem die Engel bei der Geburt Jesu singen, evident: Sie ist die Kraft, die kein Tod besiegen kann, der Neubeginn nach allen Zusammenbrüchen.

 

3. Wir schreiben unsere Friedenstexte

Wie können wir uns auf eine solche Konvokation vorbereiten? Der Ökumenische Rat der Kirchen kann Vorschläge machen, aber bei der Ausgestaltung ist er auf die tatkräftige Mitarbeit der Mitgliedskirchen angewiesen. Wie aber könnte diese Mitarbeit aussehen? Wie ließe sich zum Beispiel eine Mitarbeit an einer ökumenischen Friedenserklärung gestalten? Natürlich könnte man in der Genfer Zentrale des ÖRK ein Dutzend kundiger Experten zusammenzubringen, damit sie einen Text verfassen. Und das könnte durchaus ein bedeutungsschweres Dokument sein. Aber wäre es auch ein Text, der für die Menschen in den vielen Kirchen der Welt  spricht?

Wir wollen bei der Friedenserklärung von 2011 einen anderen Weg gehen, indem wir zuerst einmal Gemeinden, Bibelkreise, Jugendgruppen und einzelne Christenmenschen bitten, ihren eigenen Friedenstext zu schreiben. Wir wünschen uns Tausende solcher Entwürfe, seien sie kurz oder lang, gelehrt oder einfach. Wir möchten sie auf unsere Webseite bringen, damit ein Austausch beginnen kann.

Was solche Texte sollen? Sie werden dokumentieren, wie Christen  heute Glauben und Aktion verbinden. Wie sie die Bibel mit ihrem Leben zusammenbringen. In den Gottesdiensten ist viel von dem Frieden Gottes die Rede, aber wie wird er in unseren Alltag übersetzt?

Die Aktion "Wir schreiben unsere Friedenstexte" könnte so zu einem Stück gemeinschaftlicher und ökumenischer Vergewisserung werden, Theologie von unten sozusagen. Das Aufschreiben der eigenen Überzeugungen könnte zugleich der Anfang oder die Wiederbelebung von praktischen Friedensinitiativen sein.

Darum appellieren wir an Pfarrerinnen und Pfarrer, an Kirchenleitungen, Gemeinderäte und Leiter von Jugendgruppen: Rufen Sie eine Gruppe zusammen und nehmen Sie sich für einen solchen Text ein paar Monate Zeit, ein Winterhalbjahr vielleicht. Mit einem solchen Projekt würden Sie Ihrer Gemeinde einen Dienst erweisen und zugleich die ökumenische Gemeinschaft stärken.

 

4.  Schwerpunktthemen

Es war davon die Rede, dass wir der Frieden Gottes als eine Spirale betrachten können, die persönliche, familiäre, soziale, wirtschaftliche, ökologische und politische Fragen berührt und umfasst. Entsprechend zahlreich sind die Aspekte für unsere gemeinsame ökumenische Friedenstheologie, Friedenserziehung, Friedensethik und Friedenspolitik.

Wir haben acht Schwerpunkte ausgewählt:

Gewalt in der Theologie und Theologie gegen Gewalt. Hier geht es um die selbstkritische Beschäftigung mit der Erbschaft der Gewalt in der Geschichte des Christentums.

Innerer Friede -Wie überwinden wir die Leiden und Leidenschaften, die uns selbst zerstören?

Friede beginnt zu Hause - Was tun wir, um die grassierende häusliche und sexuelle Gewalt zu bekämpfen?

Friede in der virtuellen Welt - Wie wehren wir uns gegen die Gewaltunterhaltungsindustrie, die sich vor allem auf unsere Jungen und jungen Männer richtet? Welche Initiativen können wir fördern oder entwickeln?

Friede auf Straßen und Plätzen - Wie stärken wir Nachbarschaften gegen Gewalt? Wie finden junge Menschen ein besseres Zuhause und schöpferische Entwicklungsmöglichkeiten?

Friede auf Erden ist Friede mit der Erde - Was tun wir dafür, dass die Erde eine lebensfähige Heimat für alle Geschöpfe Gottes bleibt? Zu welchen Umstellungen in unserer Lebensweise sind wir bereit?

Friede auf den Märkten der Welt - Wie treten wir für ein würdiges Leben aller Menschen zwischen den Extremen von absoluter Misere und schamlosem Reichtum ein?

Macht Frieden - nicht Krieg! Wie können wir die Widerstandsbewegungen gegen die alten und neuen Kriege stärken?

Es ist hier nicht nötig, diese Schwerpunktthemen zu erläutern. Der ÖRK wird dazu Experten-Tagungen durchführen, um die Debatte mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, aber nicht zuletzt auch mit Menschen aus anderen Religionen zu verhandeln. Die Ergebnisse werden in einer eigens eingerichteten Internet-Zeitschrift dokumentiert werden.

Ich will mich hier auf folgende Hinweise beschränken:

  • Unser gemeinsames Nachdenken über den Gottesfrieden muss selbstkritisch fragen, wieso es möglich ist, dass im Namen des Christentums so viel Gewalt gerechtfertigt worden ist. Das ist nicht nur eine Frage, die sich auf unsere Vergangenheit bezieht. Auch heute gibt es noch starke christliche Gemeinschaften, die mit der Wiederkunft Christi einen die ganze Welt zerstörenden Krieg  erwarten. Diese Faszination mit der Gewalt wird vor allem aus der Offenbarung des Johannes herausgelesen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass innerhalb der Kirchen eine engagierte Diskussion über unser Verständnis Christi (Christologie) sowie der Heiligen Schrift  (Hermeneutik) stattfinden muss.
  • Es wird oft - mit einem abschätzigen Unterton - gesagt, christliche Frömmigkeit habe es nur mit dem "Seelenfrieden" zu tun. In der Tat, bei dem christlichen Glauben geht es um den Frieden der Seele, um eine fröhliche, gelassene und   tatkräftige Einstellung zum Leben, allen Widerständen zum Trotz. Wie wichtig eine solche Einstellung ist und wie wichtig sie für das Miteinander der Menschen ist, geht aus der Tatsache hervor, dass die Anzahl der seelischen Störungen und Selbstmorde weltweit zunimmt. Wenn wir sagen, dass Heil etwas mit Heilung zu tun hat, wird der "Seelenfrieden" zu einem Programmpunkt für die Gemeindearbeit, und darf nicht länger auf diakonische Einrichtungen abgeschoben werden.
  • Überall auf der Erde reagieren Eltern und Lehrer besorgt auf die "Gewaltunterhaltungsindustrien", also die Gewaltspiele, bei denen ein Spieler z. B. für die Vergewaltigung einer Frau Pluspunkte erhält. Sie reagieren bestürzt auf Gewaltpornos, die sich unsere jungen Leute auf ihre Handys laden und zum Teil selbst "nachspielen", nicht selten mit mörderischen Folgen. Wir haben es hier mit global wirkenden "geheimen Erziehern" zu tun, deren Langzeitwirkungen niemand abzuschätzen weiß. Sie zu verharmlosen, scheint in jedem Falle fahrlässig. Was haben wir als Kirchen dazu zu sagen? Welche Alternativen können wir unseren Kindern anbieten?
  • Es wird immer offensichtlicher, dass der Friede auf der Erde ohne einen Frieden mit der Erde nicht zu haben ist. Der "Klimawandel" ist ein harmloser Begriff für eine Gefahr, welche die Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert stärker bedroht als jede andere ( von der nuklearen abgesehen). Spätestens hier wird klar, dass jede einzelne Kirche auf die Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen der Welt angewiesen ist. Wie können wir einander - über die Diskrepanzen von reich und arm hinaus - befähigen, Gottes schöne Schöpfung  zu bewohnen, und zwar als "Erdlinge", die ihre Leben so einrichten, dass die Tragekräfte der Erde nicht noch mehr durcheinander geraten?

 

5. "Lebendige Briefe"

Anfang August 2007 hat ein ökumenisch zusammengesetztes Team von sechs Personen die Kirchen in Sri Lanka besucht. Sie haben sich eine Woche lang mit sehr unterschiedlichen Christenmenschen in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Inselstaat aufgehalten, auf ihre Sorgen gehört und die ökumenischen Friedensinitiativen mit ihnen besprochen. Dieses Team wurde mit tiefer Dankbarkeit als ein "lebendiger Brief" aufgenommen.

In den nächsten drei Jahren sollen noch ungefähr 50 solche Teambesuche stattfinden. Die Organisation dieser Unternehmungen liegt bei der Genfer Zentrale und kostet viel Fingerspitzengefühl und nicht zuletzt auch beträchtlichen finanziellen Aufwand. Wenn es gelingen soll, dass 50 Länder besucht werden, dann sind sie auf die Unterstützung der Mitgliedeskirchen", zum Beispiel auf Sonderkollekten, angewiesen. Es braucht aber auch Persönlichkeiten, die bereit sind, eine solche Besuchsreise, alles andere als ein touristischer Kick!, mitzumachen.

Diese "lebendigen Briefe" werden vor allem in die Länder gehen, wo die christlichen Kirchen besonders unter Druck sind, wie zum Beispiel in Pakistan, in Kolumbien oder in Togo. Sie sind gleichsam das menschliche Gesicht der ökumenischen Friedensagenda. Sie bringen die globalen Fragen an die Basis und nehmen die Fragen der Basis in den ökumenischen Dialog auf. Auf diese Weise kann versucht werden, möglichst viele Kirchen und Gemeinden an dem Projekt einer ökumenischen Friedenskonvokation zu beteiligen.

 

6. Es gibt für die ökumenische Bewegung keine Alternative

Die "Ökumene" ist zur Zeit nicht "in". Das war Anfang September 2007 sehr trefflich zu beobachten. Während an die 2.500 Vertereterinnen und Vertreter aller christlichen Kirchen im rumänischen Sibiu zusammenkamen, um über Erneuerung und Versöhnung in Europa nachzudenken, besuchte Papste Benedikt XVI. Wien und Mariazell. Dass das Oberhaupt der Katholiken ausgerechnet während der 3 Europäischen Ökumenischen Versammlung nach Österreich "pilgerte", zeigte deutlich, wie wenig ihm an einer konstruktiven und "brüderlichen" Verständigung mit den Orthodoxen Kirchen gelegen ist. Von einer Vertiefung der Beziehungen zu den Kirchen der Reformation wollen wir gar nicht erst reden. Dass der Vatikan seinen anti-ökumenischen Kurs so unverblümt demonstrieren würde, gibt allen Skeptikern Recht. ( Er hätte diese Reise ja auch unter Verweis auf die Versammlung in Sibiu eine Woche später machen können, selbst wenn bzw. gerade weil dies dem mariologischen Kalender nicht gerecht geworden wäre. Aber dann wäre sein Besuch in Österreich ein pro-ökumenisches Signal gewesen.)

Dieses betrübliche Lehrstück zwischenkirchlicher Zwistigkeiten zeigt noch einmal, wie dringlich die Wiederbelebung des konziliaren Prozesses für eine gemeinsame Theologie und Ethik des Friedens ist. Es wird vor allem eine Sache der Laien werden müssen, da manchem "prince d'église" kirchendiplomatische Interessen und Bedenken wichtiger zu sein scheinen. Wer sich jedoch die Nöte und Gefahren unserer globalisierten Weltlage vor Augen führt, wird die Chance ergreifen, die sich mit der Friedenskonvokation 2011 bietet. Die Bedenkenträger dürfen das Feld nicht behalten. Es ist Zeit für einen Neubeginn.

(Abgeschlossen: 13. 9. 2007, erschienen im Journal der Evangelischen Kirche Österreich, Ende 2007)