In vierzig Monaten: Ökumenische Friedenskonvokation

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"Ehre sei Gott und Friede auf Erden"

 In vierzig Monaten: Ökumenische Friedenskonvokation

 Geiko Müller-Fahrenholz [1]

Seit 2001 läuft die ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt. An skeptischen Stimmen fehlt es nicht: "Gewalt überwinden wollt ihr? Ist das nicht reichlich naiv?"

Die Antwort: "Wenn es naiv sein soll, Gewalt zu überwinden, dann war Jesus auch naiv! Wenn er uns sagt, wir sollten unsere Feinde lieben, dann geht er offenbar davon aus, dass Feindschaft - und die damit verbundenen Gewalt - überwunden werden kann. Genau in diesem Sinne schreibt Paulus an die Christen in Rom, dem damaligen Zentrum rücksichtsloser imperialer Gewalt: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." ( Rö 12, 21) 

Als Christen sagen wir: Gewalt ist nicht zu vermeiden und lässt sich doch überwinden. Und zwar durch die Kraft Gottes, die in unserer Schwachheit - und Gewalt ist ein Zeichen von Schwäche! - kräftig ist. 

2010 soll die Dekade zu Ende gehen. Aber doch so, dass wichtige Impulse weiter gehen. Darum hat die Vollversammlung des ÖRK im Februar 2006 in Porto Alegre beschlossen, dass es zum Abschluss der Dekade eine "internationale ökumenische Friedenskonvokation" geben soll. Sozusagen als eine Art "Erntedankfest", auf dem die Ergebnisse der Dekade-Arbeit in den verschiedenen Kirchen zusammen getragen werden. Und zugleich als eine Art "Aussaat-Aktion", die wichtige Beispiele verstärkt, neue Ideen in die Welt setzt und Initiativen ermöglicht. 

Diese Friedenskonvokation soll im Mai 2011 stattfinden. Wo das sein wird, steht noch nicht fest. 

Was ist das, eine "Konvokation"? Wie das englische Wort "convocation" verweist es auf die lateinische Sprache zurück und bedeutet so viel wie "Zusammenrufung". "Vocation" bezeichnet im englischen "Ruf", auch im Sinne von "Berufung". Wir können das Wort "Konvokation" also auch als "gemeinsame Berufung" verstehen. 

Und eben dies soll geschehen. Der ÖRK lädt zu einer großen Versammlung ein, welche die Kirchen der Welt befähigen soll, ihre "gemeinsame Berufung" zum Frieden und zur Überwindung von Gewalt zum Ausdruck zu bringen. 

Aber  auch hier melden sich die Skeptiker zu Wort und fragen: Was meint ihr denn mit "Frieden"? Das ist doch mittlerweile ein dünnes und billiges Wort geworden!"

Wohl wahr. Darum gehört es zu unserer "gemeinsamen Berufung", das Wort "Friede" wieder gewichtig und bedeutungsschwer zu machen. Wie soll das vor sich gehen? 

Das Motto der Friedenskonvokation bietet einen ersten und wichtigen Hinweis. Es lautet: EHRE SEI GOTT UND FRIEDE AUF ERDEN". 

Das klingt vertraut und harmlos, natürlich; denn das Wort kommt aus der Weihnachtsgeschichte. Die Engel verkünden den Hirten, dass in Bethlehem der Heiland geboren ist, nämlich Christus der Herr. Danach stimmt der Chor der Boten Gottes das Loblied an: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen Wohlgefallen." ( Luk 2, 14) 

Oft reißen wir diesen Satz auseinander, trennen die Ehre Gottes von den Frieden auf der Erde. Aber indem Gott in Jesus zur Welt kommt, kommt auch sein Friede auf die Erde. Darin besteht Gottes Ehre. Wenn wir also Gott die Ehre geben wollen, dann so, dass wir seinem Frieden hier auf der Erde dienen. Gottes Ehre und irdischer Friede sind unteilbar. 

Deshalb würde ich das Motto der Konvokation am liebsten in der Form eines Kreises beschreiben: Ehre sei Gott und Friede auf Erden und Ehre sei Gott… So wie die Mönche im Mittelalter das Motto "Ora et Labora" als einen Kreis auffassten, so dass das Ende von "labora" bereits der Anfang von "ora" war. Das Ende des Arbeitens war bereits der Beginn des Betens.

So ist es auch mit dem Frieden Gottes. Es umfasst die Erde, uns alle, wie ein mächtiger Kreis und Horizont. Wie sieht dieser Friede aus? Er wird sichtbar in dem Leben und in dem Sterben Jesu, in seinen Taten und Worten, in seiner unbedingten Liebe für alle kranken und geplagten Menschen, in seiner Gewaltfreiheit, bis zum Tod am Kreuz. 

Nicht ohne Grund setzt der Evangelist Lukas die Geburt dieses Heilandes dem imperialen Anspruch des Kaisers Augustus gegenüber.  

Die Vollversammlung von Porto Alegre hat sich nicht nur für eine Friedenskonvokation entschieden. Sie hat auch beschlossen, dass in den Jahren bis 2011 eine "ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden" erarbeitet werden soll. 

Was kann eine "Erklärung" bewirken? Nicht viel, wenn sie nur von einigen wenigen Experten verfasst und auf der Konvokation "abgesegnet" wird. Von solchen Erklärungen gibt es schon zu viele.

Die Sache sieht aber ganz anders aus, wenn sich möglichst viele Christenmenschen in allen Teilen der Welt an die Frage heranmachen: "Wie würde denn unsere Friedenserklärung aussehen?" Und: "Welche Konsequenzen müssten sich daraus ergeben?"

Genau das haben wir vor.

Wir sind dabei, diese Frage an Ortsgemeinden zu richten, an Pastorinnen und Pastoren, an Bibelkreise, Jugendgruppen, Kreise von Senioren: Wie versteht ihr unter Frieden? Wie verhält sich die Friedensbotschaft der Bibel zur Gewaltgeschichte der Kirchen? Welche Bibelworte sind euch wichtig? Welche Gebete, welche Lieder? Welche Folgerungen zieht ihr daraus? Für euch persönlich, für eure Gemeinde, für die "große" Politik und die Wirtschaft?

Die Arbeit an diesem Thema ist für jede Gemeinde wichtig. Aus geistlichen, theologischen und ethischen Gründen. Sie wird ökumenisch relevant, wenn sie mit den Antworten anderer Gemeinden zusammengebracht wird. Dafür bietet die Webseite des ÖRK eine ausgezeichnete Möglichkeit.

Auch theologische Fakultäten, Bibelschulen  und Ausbildungszentren auf allen Kontinenten sind gefragt, sich in der Form von Seminaren an der Erarbeitung von Friedenserklärungen zu beteiligen. Je größer die Zahl deren wird, die sich an dieser Aufgabe beteiligen, desto fester wird das ökumenische Netz und desto intensiver die Verständigung über die Gestalten des Friedens in dieser von Gewalt erschütterten Welt.

Und Gestalten des Friedens gibt es viele. In unserer Planung sprechen wir von folgenden Aspekten, deren Reichweite ich hier nur äußerst knapp andeuten kann:

  • Da ist der Friede, den wir in und mit uns finden müssen. Es gibt so viele Formen selbstzerstörerischer Gewalt. Menschen machen sich kaputt, weil sie nicht mit sich zu-frieden sind. Leben wir als Christen in Frieden mit uns selbst? Und wie können wir dazu beitragen, dass andere mit sich selber Frieden schließen?
  • Die Engländer haben das Sprichwort: "Peace begins at home". Der Friede beginnt zuhause. Das ist extrem wichtig; denn die häusliche Gewalt, die Vernachlässigung von Kindern, die Vergewaltigung von Frauen und Minderjährigen, dies allen kommt auch in den besten Familien vor. Was können wir Christen dazu beitragen, dass Männer und Frauen mit mehr Achtung und Zärtlichkeit miteinander, mit ihren Kindern und Eltern umgehen?
  • Zu den heimlichen Erziehern, deren Einfluss auf Jungen und junge Männer nicht unterschätzt werden sollte, gehört die Gewaltunterhaltungsindustrie. Sie "kultiviert" eine Gewaltfaszination, und da sich eine Gewöhnung und Übersättigung nicht vermeiden lassen, muss die Darstellung von Gewalt ständig verschärft und vergröbert werden. Haben wir in unseren Gemeinden und Schulen Alternativen und Beispiel für die Faszination des Friedens?
  • Friede auf Erden ist Friede mit der Erde. Die Klimakatastrophe macht das Ausmaß der Umweltzerstörung immer offenkundiger. Ist dies ein - unvermeidlicher - Aspekt der "gefallenen" Schöpfung, gegen den auch wir Christen nichts machen können? Oder ergibt sich aus unseren Status als von Gott begabten und gesegneten "Erdlingen" eine besondere Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung? Welche Lebensweise drängt sich uns auf, damit alle Menschen und auch die kommenden Generationen in Würde und Gerechtigkeit leben können?
  • Friede gehört auch auf die Märkte. Die Unordnung der Weltwirtschaft vertieft Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen. Diese werden mit der Verknappung der Bodenschätze und des Trinkwassers noch zunehmen. Wie können gerechte und tragfähige Wirtschaftstrukturen aussehen, die dazu führen, dass die Völker der Erde verträgliche und belastbare Nachbarschaften bilden?
  • Da der Vater Jesus Christi ein "Gott des Friedens" ( 1. Kor. 14.33) ist, gehört der Widerstand gegen die angebliche Unvermeidlichkeit von Kriegen und damit auch der Widerstand gegen Kriegsgewinnler und Waffenhändler aller Art zum Kern christlichen Handelns. Friedenspolitik ist mehr als Antikriegspolitik, sondern verwirklicht sich als Kampf für eine "Weltinnenpolitik" mit entsprechenden Rechtsordnungen und  weltpolizeilichen Kräften zur Konfliktregulierung.

Fazit:

Diese Andeutungen lassen erkennen, dass der ÖRK mit der ökumenischen Friedenskonvokation ein anspruchsvolles Projekt auf den Weg gebracht hat. Aber dafür haben wir ja den ÖRK; nur er kann die Kirchen in allen Teilen der Welt dazu einladen, diese die ganze Welt betreffende Problematik aufzunehmen.

Es wird eine Reihe von Expertentagungen zu einzelnen Aspekten des Themas geben. Der ÖRK will cirka 50 Besuchsteams in die Mitgliedskirchen schicken, um mit ihnen über die Friedensfrage zu sprechen. So können sich die Mitgliedskirchen auf verschiedene Art und Weise beteiligen, und so kann schließlich eine Theologie und Ethik des Friedens entstehen, die Christen verbindet und stärkt, die aber auch Frauen und Männer aus anderen Weltreligionen einbezieht. So setzt sie ein Signal in die Welt, das die Machthaber unserer Tage hoffentlich nicht übersehen werden.

 


[1] Geiko Müller-Fahrenholz ist der Koordinator des Ökumenischen Rates der Kirchen für die internationale ökumenische Friedenskonvokation, die im Mai 2011 stattfinden soll. E rist Pastor der Lutherische Kirche in Deutschland und war von 1979 bis 1988 Direktor einer der großen Evangelischen Akademien. Vorher hatte er bereits sechs Jahre lang in der Zentrale des ÖRK  in Genf gearbeitet Nach seiner Segeberger Zeit lehrte er ökumenische Theologie in Costa Rica, Mittelamerika. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören: Versöhnungstheologie und -politik, Fundamentalismusprobleme und ökologische Ethik.