Mennonitischer und katholischer Beitrag für die Dekade zur Überwindung von Gewalt

 

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Die Dekade zur Überwindung von Gewalt des Ökumenischen Rates der Kirchen

 

Ein mennonitischer und katholischer Beitrag

 

Einleitung

Zwischen 1998 und 2003 fand ein internationaler Dialog zwischen Katholiken und Mennoniten zum Thema " Auf dem Wege zur Heilung von Erinnerungen" statt, der abschloss mit einem Bericht unter dem Titel Gemeinsam berufen, Friedenstifter zu sein (Called Together to be Peacemakers CTBP)[1]. In der Hoffnung, dass Katholiken und Mennoniten auf der Basis dieses Dialogs Vorschläge für die Dekade zur Überwindung von Gewalt (DOV) des Ökumenischen Rates der Kirchen machen könnten, insbesondere im Hinblick auf die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation (IEPC) im Jahre 2011, die ihren Höhepunkt bilden soll, haben der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen und die Mennonitische Weltkonferenz in Rücksprache mit dem DOV Büro vom 23.-25. Oktober 2007 eine kurze Konferenz anberaumt. Sie fand im Centro Pro Unione in Rom statt. Als Ergebnis möchten wir einige Überlegungen vorlegen, die Katholiken und Mennoniten, die sich der Überwindung von Gewalt verpflichtet wissen, gemeinsam als ein Friedenszeugnis im ökumenischen Kontext vertreten können. Wir hoffen, dass diese Überlegungen für die Vorbereitung der IEPC hilfreich sein können.

Wir beginnen damit, dass wir die biblischen und theologischen Grundlagen des Friedens unter den Überschriften Schöpfung, Christologie und Ekklesiologie benennen. Darauf folgt ein Kapitel über Frieden und Nachfolge. Den Schluss bilden einige Herausforderungen und Empfehlungen, die als Schwerpunkte der Workshops auf der IEPC dienen könnten.

 

I. Biblisch-theologische Grundlagen des Friedens

A. Schöpfung: Frieden als Gabe und Verheißung

Von Beginn der Schöpfung an hat der Gott des shalom, der "aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht (hat), damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen" (Apg 17,26) alle Menschen zu ein- und demselben Ziel bestimmt, nämlich zur Gemeinschaft mit Gott. Diese harmonische Beziehung erinnert uns daran, dass wir zu seinem Bilde geschaffen und darum dazu berufen sind, ein Leben in Einheit miteinander zu führen, indem einer sich für den anderen hingibt (vgl. 1 Mose 1,26; Joh 17,21f). Wenngleich die Sünde unsere harmonische Beziehung zu Gott und untereinander gestört hat, hat die Erlösung durch Christus der Schöpfung die Möglichkeit des durch Sünde gestörten Friedens wiedergegeben (1 Mose 9,1-17; Kol 1,19f; Off 21,5). Als Gottes neue Schöpfung sind die Christen dazu berufen, in Frieden miteinander, mit allen Menschen und mit der ganzen Schöpfung zu leben (Apg 10,36; 2Kor 13,11; Röm 12,18).

Die Tiefe des von Jesus geschenkten shalom zeigt sich in seiner Abschiedsrede an seine Jünger (Joh 14, 27-31). Es ist beim jüdischen Abschiedsgruß üblich, Frieden als ein Abschiedsgeschenk darzubieten. Jesus geht tiefer, indem er die Gabe des Friedens durch die Teilhabe an seinem eigenen Selbst darbietet. Der Friede Christi fließt aus seinem ureigensten Sein, das mit dem Vater in Liebe vereint ist. Die Welt kann diesen Frieden nicht geben, weil sie dieses innige "In-Frieden-Sein" mit dem Urheber allen Friedens nicht kennt. Der Friede, den Jesus gibt, ist der Friede, der erfüllt ist vom Geist der Seligpreisungen. Dieser Friede macht Gewaltlosigkeit möglich, weil diejenigen, die wahrhaftig für ihn einstehen, in Übereinstimmung mit dem Geist der selbstlosen Liebe Jesu Christi reden und handeln.

 

Die biblische Vision des Friedens als shalom umfasst den Schutz der Unversehrtheit der Schöpfung (1 Mose 1, 26-31; 2, 5-15; 9, 7-17; Ps 104). Die Kirche ruft die Menschen dazu auf, als Haushalter und nicht als Ausbeuter der Erde zu leben. Die Gabe der Liebe fließt aus dem ureigensten Sein des barmherzigen Gottes und ist der ganzen Schöpfung zugedacht. Da Gott reich in der Liebe ist und seiner Verheißung des Friedens treu bleibt, müssen auch wir diese Gabe annehmen und sie verantwortungsvoll in unserer Beziehung zu Gott nutzen, der uns einander anvertraut und die ganze Schöpfung unserer Fürsorge anempfohlen hat.

 

B. Christologie: Jesus Christus, die Grundlage unseres Friedens

Das Friedenszeugnis sowohl von Mennoniten als auch von Katholiken ist in Jesus Christus verwurzelt. "Er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat,…damit er…Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz" (Eph 2, 14-16). Was Frieden ist, verstehen wir durch die Predigt, das Leben und den Tod Jesu Christi. Er lehrte uns, die andere Backe darzubieten, unsere Feinde zu lieben, für die zu bitten, die uns verfolgen (Mt 5, 39ff.) und keine tödlichen Waffen zu gebrauchen (Mt 26, 52). In seiner Mission der Versöhnung blieb Jesus treu bis zum Tode und offenbarte damit die Frieden-schaffende Dimension göttlicher Liebe und bestätigte die Tiefe Gottes als einen, der die Menschen liebt. Jesu Treue wurde in seiner Auferstehung bestätigt.

 

Frieden und das Kreuz

Gott offenbarte seine Liebe zu den Menschen in Jesus Christus, der am Kreuz starb als Folge seiner Botschaft vom Reich Gottes. Das Kreuz ist das Zeichen der Liebe Gottes zu seinen Feinden (Röm 5, 10f.). Die entscheidende persönliche und kirchliche Herausforderung für Katholiken ebenso wie für Mennoniten besteht darin, die Folgen des Kreuzes für unsere Lehre von Frieden und Krieg und für unsere Antwort auf Ungerechtigkeit und Gewalt deutlich zu benennen.

Wenn wir auf das Kreuz Christi schauen, begreifen wir, was sein Erlösungswerk für uns bedeutet. Wie der Apostel Petrus schreibt: (Er hat) "unsre Sünde selbst hinaufgetragen…an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden" (1 Petr 2, 24). Das heißt, Jesus schafft durch das Kreuz unseren Frieden mit Gott, der uns den shalom einer neuen Schöpfung dargeboten hat, als wir noch Sünder waren (Röm 5, 8). Zugleich ruft uns das Kreuz auf, den Fußstapfen Jesu zu folgen, der "es nicht für einen Raub (hielt), Gott gleich zu sein" (Phil 2, 6). Im Gegenteil "der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde" (1 Petr 2, 23). Sind wir in Christus, so sind wir "eine neue Kreatur" (2 Kor 5, 17), in der wir nun unser Kreuz auf uns nehmen und seinem Weg des Friedens und der Gerechtigkeit nachfolgen.

Frieden und Leiden

Uns ist bewusst, dass Leiden eine mögliche Folge unseres Zeugnisses für das Evangelium des Friedens ist. Wir leben nicht in einer utopischen Welt. Christus nachzufolgen, wird seinen Jüngern teuer zu stehen kommen. Mennoniten und Katholiken leben in der Erwartung, dass Nachfolge Leiden mit sich bringt. Jesus fordert uns heraus: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mk 8, 34). Der Glaube, dass die Liebe stärker ist als der Tod, stärkt die Christen in ihrem Leiden. Wir sind aufgerufen, zu leiden und Leiden zu lindern, nicht aber es zu vermehren. Die Katholiken versichern mit Johannes Paul II:

"Indem der Mensch sein Leiden für die Wahrheit und die Freiheit dem Leiden Christi am Kreuz hinzufügt, vermag er das Wunder des Friedens zu vollbringen und ist imstande, den schmalen Pfad zu erkennen zwischen der Feigheit, die dem Bösen weicht, und der Gewalt, die sich zwar einbildet, das Böse zu bekämpfen, es aber in Wirklichkeit verschlimmert" (Centesimus annus, 25; vgl. Gaudium et spes, 42 und 78).

Die gleiche Überzeugung spiegelt sich in einem neueren mennonitischen Glaubensbekenntnis wider:

"Vom heiligen Geist geleitet, bezeugen wir allen Menschen, angefangen bei der Kirche, dass Gewalt nicht der Wille Gottes ist…Unsere oberste Loyalität gilt dem Gott der Gnade und des Friedens, der die Kirche Tag für Tag darin leitet, Böses mit Gutem zu überwinden, der uns befähigt, Gerechtigkeit zu wirken, und uns stärkt in der herrlichen Hoffnung auf die Friedensherrschaft Gottes" (Confession of Faith in a Mennonite Perspective, Scottdale/Waterloo, Herald Press 1995, Art. 22).

Mennoniten ebenso wie Katholiken beziehen ihre Inspiration aus Texten des Evangeliums wie Markus 10, 35-45 und Lukas 22, 24-27, wo Jesus seine Jünger auffordert, ihr Leben als Diener darzubringen. Wir stellen mit Freude fest, dass uns die Wertschätzung für Märtyrer gemeinsam ist, die große "Wolke von Zeugen" (Hebr 12,1), die ihr Leben im Zeugnis für die Wahrheit dahingegeben haben. Gemeinsam sind wir der Überzeugung, dass "die Torheit Gottes weiser ist, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes stärker ist, als die Menschen sind" (1 Kor 1,25). Dieses Bekenntnis hat Konsequenzen für unser Verständnis von Kirche und davon, was es bedeutet, Kirche in der Welt zu sein.

 

C. Ekklesiologie

Die ekklesiologischen Merkmale einer Friedenskirche leiten sich her von ihrer Botschaft der Versöhnung, der Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit sowie von ihrer Freiheit, ihrer Sendung, ihrem Einssein und ihrer Hoffnung auf das Heil.

 

Frieden  und Versöhnung

Gemeinsam bekräftigen Katholiken und Mennoniten, dass es die wahre Bestimmung der Kirche ist, die Gemeinschaft der Versöhnten und der Versöhner zu sein. Wir nehmen diese Berufung von Gott an, "der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben hat, das die Versöhnung predigt" (2 Kor 5, 18). Unsere gleichartigen Identitäten als Friedenskirche (Mennoniten) und als Frieden-stiftende Kirche (Katholiken) kommen von unserer Verpflichtung her, Jünger und Nachfolger Christi, des Friedefürsten und Herrn der Kirche zu sein. Durch ihre Hingabe an Christus in der Taufe sind alle Christen auf den Weg des Friedens und der Versöhnung gerufen.

 

Frieden und Gewaltlosigkeit

Inmitten einer Welt, die es nicht gelernt  hat, den Frieden, den Jesus bringt, anzunehmen oder zu praktizieren, ist es die heilige Berufung der Kirche, durch ihr ureigenstes Sein Zeugnis abzulegen für den Weg des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Die Kirche ist berufen, eine Kirche des Friedens zu sein. Diese Berufung stützt sich auf die gemeinsame Überzeugung von Mennoniten und Katholiken, dass die durch Christus begründete Kirche ein lebendiges Zeichen und ein wirksames Werkzeug des Friedens sein und dass sie jede Form von Feindschaft überwinden und alle Menschen im Frieden Christi versöhnen soll (Eph 4,1-3). Wir sind der gemeinsamen Überzeugung, dass Versöhnung, Gewaltlosigkeit und aktive Friedensförderung zum Kern des Evangeliums gehören (Mt 5,9; Röm 12, 14-21; Eph 6, 15). Mennoniten und Katholiken bekräftigen gemeinsam, dass die Kraft Christi die Trennungen zwischen den Menschen überwindet (Eph 2, 13-22; Gal 3, 28). Auf diese Basis gründet sich die Verantwortung der Kirche, im Namen Christi dazu beizutragen, dass ethnische und religiöse Gewalt überwunden und eine Friedenskultur unter Rassen und Völkern aufgebaut wird.

 

Mennoniten und Katholiken sind sich darin einig, dass der Weg der Gewalt keine Lösung für das Problem der Feindschaft zwischen Menschen, Gruppen oder Völkern ist. Christliche Friedensarbeit beinhaltet aktive Gewaltlosigkeit bei der Überwindung von Konflikten sowohl in internen als auch in internationalen Auseinandersetzungen. Darüber hinaus betrachten wir es als eine Tragödie und eine schwere Sünde, wenn Christen einander hassen und töten. Wenn für einzelne Gruppen und Regierungen Ressourcen für eine gewaltlose Konfliktlösung vorhanden sind, verringert sich die Versuchung, als letzten Ausweg zu den Waffen zu greifen.

 

Frieden und Freiheit

Katholiken und Mennoniten sind sich eins in der Überzeugung, dass die Kirche unabhängig sein sollte von den menschlichen Organisationen der Gesellschaft. Das heißt, dass die Kirche Religionsfreiheit und Eigenständigkeit unter der Herrschaft Christi, des Friedefürsten, genießen sollte. Die Freiheit der Kirche von staatlicher Kontrolle ermöglicht es ihr, Zeugnis abzulegen, ohne der Gesellschaft insgesamt im Wege zu stehen. Aufgrund ihrer Würde als Kinder Gottes besitzen darüber hinaus alle Männer und Frauen Religions- und Gewissensfreiheit. Niemand sollte gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln, insbesondere, wenn es um Fragen des Einsatzes von Militär geht.

 

Frieden  und Mission

Mission gehört entscheidend zum Wesen der Kirche. Befähigt und zugerüstet durch den Heiligen Geist bringt die Kirche die frohe Botschaft des Heils zu allen Völkern, indem sie in Wort und Tat das Evangelium des shalom bis an die Enden der Erde (vgl. Jes 2, 1-4¸ Mt 28, 16-20; Eph 4, 11f) verkündigt. Die Mission der Kirche wird in der Welt durch alle Nachfolger Jesu Christi, Geistliche und Laien, ausgerichtet.

Eine wichtige Dimension der Mission der Kirche wird durch die Zusammensetzung der Kirche aus inter-ethnischen Glaubensgemeinschaften verwirklicht. Die Kirche ist ein Volk des Glaubens, ins Leben gerufen aus Völkern vieler Zungen und Nationen (Gal 3, 28; Eph 4, 4-6; Phil 2, 11). Mission erfordert, dass die Christen um ihres Zeugnisses willen von Jesus Christus und dem Vater "bestrebt sind, eins" zu werden (Joh 17, 20-21) und "darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens" (Eph 4,3). Es gehört zur Sendung der Kirche, der Welt den Frieden Jesu Christi zu verkündigen und das Werk Christi, den shalom, unter Frauen und Männern guten Willens in allen Landen auszubreiten.

 

Frieden und Einigkeit

Eines der wesentlichen Kennzeichen der Kirche ist ihre Einheit. Diese Einheit spiegelt die Einheit des dreieinigen Gottes wider. Darum nehmen Katholiken und Mennoniten mit anderen Jüngern Christi die Bibeltexte ernst, die die Christen aufrufen, eins in Christus zu sein. Unser Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Christus wird geschwächt, wenn wir in Uneinigkeit leben (Joh 17, 20-23). Wie können wir die Welt auffordern, in Frieden zu leben, wenn wir selbst nicht dem Ruf nachkommen, "die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens (zu wahren)" (Eph 4, 3)? Gemeinsam fragen wir, was es für die Kirchen bedeutet, zu bekennen: "ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller" (Eph 4, 5-6)? Der Bericht über den katholisch-mennonitischen Dialog trägt den Titel Gemeinsam berufen, Friedensstifter zu sein. Dieser Titel soll ein hoffnungsvolles Zeichen der "Einheit im Geist" sein.

 

Frieden und Heil

Katholiken und Mennoniten sind sich darin eins, dass die Kirche ein erwähltes Zeichen der Gegenwart Gottes und seiner Verheißung des Heils für alle Menschen ist. Die Katholiken beschreiben das mit den Worten "daß die Kirche das ‚allumfassende Sakrament des Heils‘ ist, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht" (Gaudium et spes, 45). Die Mennoniten bringen den Verheißungscharakter der Kirche zum Ausdruck, indem sie bezeugen, dass "im Volk Gottes die Erneuerung der Welt begonnen hat" (Douglas Gwyn et al., A Declaration on Peace (Scottdale/Waterloo, Herald Press 1991) und dass "die Kirche die neue Gemeinschaft von Jüngern ist, in die Welt gesandt, um die Herrschaft Gottes zu verkündigen und einen Vorgeschmack der herrlichen Hoffnung der Kirche zu bieten" (Confession of Faith in an Mennonite Perspective, Scottdale/Waterloo, Herald Press 1995, Art. 9). Während die Kirche noch auf dem Wege ist zum Friedensreich Gottes, weist sie schon hier und jetzt Zeichen ihres eschatologischen Charakters auf und bietet so einen Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit ist keine andere als die des shalom Gottes, der uns, weil er die Menschen liebt, auffordert, Gerechtigkeit zu üben, Freundlichkeit zu erweisen und demütig zu sein vor unserem Gott (vgl. Micha 6,8).

 

II. Frieden und Nachfolge

Im Lichte der oben vorgetragenen Überlegungen zu den biblischen und theologischen Grundlagen des Friedens sind wir der gemeinsamen Überzeugung, dass Jünger Christi zu sein, bedeutet, Zeuge für den Frieden zu sein. Christliche Nachfolge gründet sich auf eine Spiritualität, die den Jünger im Leben Christi verwurzelt, der "unser Friede ist" (vgl. Eph 2, 14-16) und uns zum Einsatz für den Frieden führt.

 

A. Spiritualität

Für die Christen besteht Spiritualität darin, der Lehre und dem Leben Jesu zu folgen und seine Lebensweise zu der unseren zu machen. "Christliches Friedenszeugnis gehört wesentlich zu unserem Lebenswandel als Nachfolger Christi und zum Leben der Kirche als ‚Gottes Hausgenossen‘ (Eph 2, 19) und ‚Wohnung Gottes im Geist‘ (Eph 2, 22)" (CTBP, 181). Als Jünger Christi sind wir aufgerufen, unsere Feinde zu lieben und Vergebung zu üben (vgl. CTBP, 180). Frieden muss durch die Praxis des Friedens aufgebaut werden. Aus diesem Grunde muss die Kirche eine Schule der Tugenden sein, wo "die Friedenstugenden" hochgehalten, gelehrt, praktiziert und immer wieder neu belebt werden. Dazu gehören: "Vergebungsbereitschaft, Feindesliebe, Achtung vor dem Leben und der Würde anderer Menschen, Selbstbeherrschung, Freundlichkeit, Barmherzigkeit und Aufopferungsgeist" (CTBP, 184). Wir möchten insbesondere vier Tugenden hervorheben, die zum Frieden beitragen: Gewaltlosigkeit, Vergebungsbereitschaft, Wahrhaftigkeit (Bußfertigkeit) und Gebet.

 

Gewaltlosigkeit

Befähigt durch ihre Gemeinschaft mit Christus und in seiner Nachfolge sind die Christen in ihren Bemühungen, "das Böse mit Gutem zu überwinden", aufgerufen (Röm 12, 21; vgl, Centesimus annus [CA]), Gewaltlosigkeit zu üben. Die Katholiken haben in zunehmendem Maße betont, dass Gewaltlosigkeit einen zentralen Platz im Evangelium und in ihrem Zeugnis in der Welt hat; und die Mennoniten ihrerseits haben in gleicher Weise ihr Verständnis von grundsätzlicher Widerstandslosigkeit in dem Sinne ausgedehnt, dass es auch aktive Gewaltlosigkeit umfasst. Da christliche Friedensarbeit unter dem Zeichen des Kreuzes geschieht, ist Leiden der unvermeidliche Preis, der in einer sündhaften Welt dafür gezahlt werden muss, dass man seine Feinde liebt. (vgl. CTBP, 182; CA, 25).

Für Mennoniten ebenso wie für Katholiken ist Frieden stiften durch Gewaltlosigkeit zwar eine individuelle Berufung, doch auch ein gemeinschaftliches Tun. Jede unserer Gemeinden weiß um ihre "Verantwortung, die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Entwicklungen und Ereignissen mit angemessenen Friedensinitiativen  zu begegnen, die sich auf das Leben und die Lehre Jesu gründen" (CTBP, 181). In der Mennonitischen Kirche geschieht dieses Erkennen der Zeichen der Zeit sowohl auf Gemeindebene als auch durch größere kirchliche Gremien, wenn auch gelegentlich durch spezialisierte Organe wie das Mennonitische Zentralkomitee. In der katholischen Kirche geschieht es auf vielen Ebenen und in einer Vielfalt von Handlungsräumen: in Gemeinden, in ordensgeistlichen und Laiengemeinschaften, in diözesanen und nationalen Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden, in Bischofssynoden und durch die Hierarchie (vgl. CTBP, 181). Wo auf diese Weise durch das Wirken des Heiligen Geistes in einer Gemeinschaft die Zeichen der Zeit erkannt werden, werden Christi Jünger dazu geführt, Kirche zu sein in einer Welt voller Konflikte. Durch ein solches Erkennen der Zeichen der Zeit und durch die Aktivitäten, die daraus erwachsen, kann die Kirche Salz und Licht der Welt sein (Mt 5, 11-16).

 

Vergebungsbereitschaft

Neben der Gewaltlosigkeit gehört zur Nachfolge Vergebung als eine elementare Ausdrucksform christlichen Lebens. Jesus lehrte uns, einander zu vergeben; sein Tod war das letztgültige Beispiel von Vergebung (Lk 23, 34). Demgemäß fällt der Kirche eine ganz besondere Rolle zu, wenn es darum geht, Versöhnung zu stiften. Die Kirche, insbesondere die Ortskirche, ist der Ort, wo unsere Gemeinden Versöhnung lernen: Katholiken im Sakrament der Versöhnung; Mennoniten in der Art und Weise, in der die Kirche Vergebung und Versöhnung im alltäglichen Leben lehrt und vorlebt und im Rahmen des Abendmahl gegenseitige Zurechtweisung praktiziert. Wir sind uns unserer eigenen Pflicht bewusst, um Vergebung zu bitten und sie zu gewähren, einzeln und gemeinschaftlich. Wir bekennen, dass unsere Kirchen in der Vergangenheit an diesem Punkte zu oft versagt haben.

Wir begrüßen die Tatsache, dass in unserer Zeit die öffentlichen Akte der Versöhnung und die Programme für Versöhnung in internen und internationalen Konflikten zunehmen. Wie Johannes Paul II. schrieb: es gibt "keinen Frieden ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung" (Weltfriedenstag 2002). Diese Initiativen stellen einen Fortschritt im öffentlichen Leben dar, über den sich die Christen nur freuen können. Zugleich sollten die Christen Sauerteig für den Frieden in der Welt sein, indem sie in ihrem eigenen Leben Vergebung üben und öffentliche Vergebung als ein notwendiges Element friedlicher Versöhnung fördern. Indem sie Vergebung praktiziert, baut die Kirche eine Friedenskultur für die Welt auf.

 

Wahrhaftigkeit (Bußfertigkeit)

So wie Frieden Gerechtigkeit erfordert, erfordert echte Versöhnung Wahrhaftigkeit. Wir haben in unserem Dialog gelernt - wie andere es in ihrem Bemühungen um Versöhnung gelernt haben -, dass die schmerzhafte Geschichte der Spaltung nicht überwunden und Heilung nicht bewirkt werden kann ohne eine Reinigung der Erinnerungen und einen Geist der Buße (CTBP, 190-198). Erstens: zur Heilung der Erinnerungen gehört die Bereitschaft, "über die Isolierung der Vergangenheit hinauszugehen und über konkrete Schritte auf dem Wege zu neuen Beziehungen nachzudenken" (CTBP, 191). Zweitens: die Reinigung der Erinnerung besteht darin, dass wir unser Bewusstsein von allen Formen von Ressentiment und Gewalt, die wir aus unserer Vergangenheit ererbt haben, reinigen lassen und unsere Handlungsweise erneuern (vgl. CTBP 192). Schließlich äußert sich der bußfertige Geist in der Entschlossenheit, zukünftige Differenzen durch Dialog zu lösen (vgl. CTBP, 198). Wenn dies überzeugende Modelle der Versöhnung in Christus sein sollen, müssen die Christen immer wieder diesen Prozess des Heilens, der Läuterung und der Buße durchmachen.

 

Gebet

Schließlich ist das Gebet ein wesentlicher Bestandteil christlicher Friedensarbeit. Durch die Jahrhunderte hindurch haben christliche Friedenstifter die Inspiration und die Kraft für ihr Zeugnis aus ihrem Gebet gewonnen, aus der Betrachtung des Lebens Christi und der wachen Offenheit für den Geist Gottes. Dort erfahren sie durch die Gnade Gottes den "Frieden, der höher ist als alle Vernunft" (Phil 4,7). So ist auch in unserer Zeit die Gebetsfrömmigkeit ein Kennzeichen des Friedenstifters. Darüber hinaus ist das ökumenische Zeugnis der Kirchen durch das Gebet, in dem Spaltungen überwunden werden und wir Gemeinschaft mit Gott erfahren, eine Segnung sowohl für die Christen als auch für die Welt (vgl. CTBP, 185).

 

B. Aktionen

Die Praxis des Gebets, sowohl im privaten Leben als auch im öffentlichen Gottesdienst der Kirche, trägt unermessliche Frucht für die Friedensarbeit, haben doch auf diese Weise einzelne Menschen und Gemeinden Teil am Friedenszeugnis der Kirche. Katholiken und Mennoniten teilen die Überzeugung, "dass Versöhnung, Gewaltlosigkeit und aktive Friedensarbeit zum Kern des Evangeliums gehören (Mt 5, 9; Röm 12, 14-21; Eph 6,15)" (CTBP, 179). Indem sie Gewaltlosigkeit bei der Lösung nationaler und internationaler Konflikte und Programme der Konfliktlösung und der Verwandlung von Konflikten fördern und sich für die Versöhnung zwischen Feinden einsetzen - manchmal gemeinsam mit ihren säkularen Partnern, manchmal ohne sie -, finden Christen Mittel und Wege, um "das Evangelium des Friedens" in der Welt von heute zu praktizieren. Indem sie Feindesliebe und den Geist der Vergebung pflegen, tragen sie auch dazu bei, eine dauerhafte Kultur des Friedens in unserer Zeit zu schaffen.

Wir wissen aber auch, dass ohne Gerechtigkeit und Menschenrechte Frieden eine Illusion ist, ein bloßes Nichtvorhandensein von Konflikten. Darum glauben wird, "dass Gerechtigkeit, verstanden als echte und wahre Beziehungen, der untrennbare Begleiter des Friedens ist" (CTBP, 177). Demnach "umfasst das Verständnis von Frieden, das das Evangelium uns vermittelt, aktive Gewaltlosigkeit zur Verteidigung des menschlichen Lebens und der Menschenrechte, zur Förderung wirtschaftlicher Gerechtigkeit für die Armen und zur Stärkung der Solidarität unter den Völkern" (CTBP, 178). Aktive Gewaltlosigkeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Verwandlung der ungerechten sozialen Verhältnisse in eine gerechtere Ordnung, die die Werte des Reiches Gottes widerspiegelt (vgl., CTBP, 178-179, 184). Aus diesem Grunde ist die Erziehung und Ausbildung sowie der Einsatz von Christen in Aktionen aktiver Gewaltlosigkeit ein wesentlicher Beitrag, den die Kirche und kirchliche Organisationen in unserer Zeit leisten können. Die Kirche hat die Verantwortung, eine friedliche Welt aufzubauen in Einklang mit den biblischen Idealen des shalom und des Reiches Gottes (vgl. CTBP, 177, 184).

 

III. Besondere Herausforderungen/Empfehlungen/Vorschläge für mögliche Workshops während der Friedenskonvokation

Neben den theologischen Überlegungen, die wir vorgetragen haben, möchten wir auch auf einige besondere Herausforderungen hinweisen, die Gegenstand spezieller Sitzungen oder Workshops während der IEPC sein könnten. Sie beruhen auf der Tatsache, dass die ökumenische Bewegung in ihrem Bemühen, getrennte Christen zu versöhnen, ihrem Wesen entsprechend eine Versöhnungs- und Friedensbewegung ist.

1. Die ökumenische Bewegung hat mehr als ein Jahrhundert zur Versöhnung christlicher Gemeinschaften beigetragen, die jahrhundertelang getrennt waren. Da die Versöhnung von Christen als solche ein Beitrag zum Frieden ist, empfehlen wir, dass die Friedenskonvokation den Teilnehmern Möglichkeiten bietet, aus einigen der wichtigsten Errungenschaften der ökumenischen Bewegung zu lernen, die dazu geführt haben, die Schranken der Uneinigkeit niederzureißen und neue Beziehungen zwischen christlichen Gemeinschaften zu schaffen, die in der Vergangenheit voneinander getrennt waren.

2. Hinter den jahrhundertelangen Spaltungen unter den Christen liegen bittere Erinnerungen an die Konflikte zwischen Christen, die zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte der Christenheit zu diesen Spaltungen geführt haben. Verschiedene ökumenische Dialogberichte haben sich mit der Frage der Reinigung und Versöhnung oder Heilung von Erinnerungen befasst. Wir empfehlen die Durchführung einer Studie über die verschiedenen Perspektiven, unter denen die Frage des Heilens von Erinnerungen in den Dialogen oder durch bestimmte Kirchen betrachtet worden ist, mit dem Ziel, ein gemeinsames christliches Zeugnis in dieser für den Frieden so notwendigen Sache zu fördern.

3. Wir bekräftigen, dass Jesu Lehre und Beispiel der Gewaltlosigkeit Richtschnur für alle Christen sein müssen. Zugleich sind wir uns dessen bewusst, dass Christen im Laufe der Geschichte unterschiedliche Sichtweisen und Positionen gegenüber gravierenden Konflikten in der Gesellschaft eingenommen haben und auch heute noch einnehmen. Dazu gehören Theorien eines gerechten Krieges, Formen aktiver Gewaltlosigkeit und Pazifismus.

Wir empfehlen, dass die Friedenskonvokation im Jahre 2011 darauf hinarbeitet, einen ökumenischen Konsens darüber zu erreichen, wie Christen gemeinsam dafür eintreten können, Gewalt als ein Mittel zur Lösung ernsthafter Konflikte in der Gesellschaft auszuschalten und durch andere zu ersetzen. Wir schlagen als einen Schritt in dieser Richtung vor, dass die verschiedenen Positionen, die Alternativen zum Gebrauch von Gewalt darstellen und derzeit gefördert werden, gemeinsam untersucht und ausgewertet werden. Dazu gehören z.B. a) das Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen für alle Männer und Frauen; b) das Recht der selektiven Kriegsdienstverweigerung, d.h. das Recht und die Pflicht, den Dienst in Kriegen zu verweigern, die als ungerecht angesehen werden, oder Befehle auszuführen, die als ungerecht betrachtet werden; c) die kürzlich vom ÖRK eingenommene Position unter dem Stichwort Die Verantwortung zum Schützen; d) der Gedanke des "Just Policing" (vgl. Gerald W. Schlabach, Just Policing, Not War: An Alternative Response to World Violence, Liturgical Press 2007).

4. In den letzten Jahrzehnten haben Christen sich mit Angehörigen anderer Weltreligionen am Zeugnis für den Frieden beteiligt, z.B. die Treffen in Assisi (1986, 1993, 2002) auf Einladung von Papst Johannes Paul II. oder die Veranstaltungen der "Weltkonferenz für Religion und Frieden" und andere. In der Überzeugung, dass die Zusammenarbeit unter den Weltreligionen für die Suche nach Frieden heute entscheidend ist, empfehlen wir, dass die Friedenskonvokation 2011 Möglichkeiten schafft, sich mit diesen Initiativen vertraut zu machen, in der Hoffnung, aus ihnen zu lernen und auf ihnen aufzubauen.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Helga Voigt, Lüneburg

 


[1] In: Fernando Enns (Hg.), Heilung der Erinnerungen - befreit zur gemeinsamen Zukunft. Mennoniten im Dialog. Berichte und Texte ökumenischer Gespräche auf nationaler und internationaler Ebene. Frankfurt/M: Lembeck und Paderborn: Bonifatius 2008, 29-132.

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TeilnehmerInnen der Mennonitisch-Katholischen Konferenz vom 23.-25. Oktober 2007:

Mennoniten

Ricardo Esquivia, Lenemarie Funck-Späth, Helmut Harder, Nancy Heisey, Henk Leegte, Larry Miller, Paulus Sugeng Widjaja

Römisch-Katholische Kirche

Joan Back, Gosbert Byamungu, Drew Christiansen, SJ, Bernard Munono, James Puglisi, SA, John A. Radano, Teresa Francesca Rossi

Ökumenischer Rat der Kirchen

Hansulrich Gerber, Fernando Enns