Beitrag des Arbeitskreises Friedensethik Hamburg-Fuhlsbüttel und Langenhorn

Friedenstext des Arbeitskreises Friedensethik zur Aktion Friedenstexte im „Breklumer Brief an alle christlichen Gemeinden und Pfarreien in Deutschland“ (2008)

Zu den dortigen Leitfragen: „Was müsste nach Ihrer Meinung in einer Friedenserklärung der Kirchen stehen?“ und „Welche praktischen Schritte schlagen Sie vor?“ nehmen wir im Folgenden Stellung. Wir, das ist der Arbeitskreis Friedensethik der evangelisch-lutherischen Gemeinden in Hamburg-Fuhlsbüttel und Langenhorn (Ansgar, Eirene, St. Lukas). Er besteht seit November 2006.

1.
Wir nehmen die Welt wahr in der Spannung zwischen der realen, immer wieder von kriegerischer und terroristischer Gewalt gequälten Welt und der biblischen Botschaft von der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, die in eine Zukunft von Gerechtigkeit und Frieden geführt werden soll.

Die Erzählung vom Sündenfall macht deutlich, dass wir innerhalb der Zeit das Böse und damit Krieg und Gewalt nicht ausräumen werden. Doch damit ist der Auftrag zur Mitgestaltung nicht erledigt. Jeder Mensch zu jeder Zeit der Geschichte kann und soll seinen Beitrag leisten, damit für jeden Menschen zu jeder Zeit der Geschichte in seinem Leben die Chance für Glück, Freiheit und Frieden gewonnen wird. So leben und wirken wir hin auf das Ziel des Reiches Gottes, in dem jenseits von Zeit und Geschichte diese Spannung zwischen gottgewolltem Frieden und realem politischen Geschehen auf­gehoben sein wird.

2.
Am Beispiel unserer Arbeit wollen wir weitersagen, wie wir unsere Hoffnung durchzuhalten versuchen. Unsere Gesprächsabende eröffnen wir mit einer Stichwortsammlung zu aktuellen Konflikten, aber auch versöhnlichen Nachrichten, die uns vor allem durch die Medien aus allen Teilen der Welt zugegangen sind. Wir wissen um deren Un­vollständigkeit und auch um die Problematik einseitiger und unvollständiger Be­richterstattung. Deshalb kann solche Aufzählung nur ein Ausschnitt sein, der aber die Dringlichkeit unseres Bemühens unterstreicht und unseren Blick für das, was getan werden muss, schärft.

Niemals werden wir es schaffen, alle aufgezählten Konfliktthemen befriedigend zu be-sprechen. Wir brauchen also die Hoffnung, dass viele Menschen an vielen Orten sich dem Friedensauftrag zuwenden. So vertrauen wir auf eine Vernetzung, innerhalb derer die­jenigen Themen an anderer Stelle aufgegriffen werden, die wir durch unsere Auswahl beiseite lassen müssen.

Wir gehen davon aus, dass mit folgenden grundsätzlichen Texten und Aktionen eine auch für uns wichtige Basis entstanden ist. Da ist besonders zu nennen:

a) Hans Küng, Projekt Weltethos, München 1990

  • Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen
  • Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen 

b) Erklärung des Parlaments der Weltreligionen, Chicago 1993

Darin vier „Unverrückbare Weisungen“:

  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau

c) Charta Oecumenica, April 2001 / Berlin 2003 (Abschnitt III)

Engagement für

  • eine Friedensordnung auf der Grundlage gewaltfreier Konfliktlösungen
  • soziale Gerechtigkeit
  • Begegnung und Dialog auf allen Ebenen mit Juden und Muslimen
  • Zusammenarbeit mit Juden und Muslimen bei gemeinsamen Anliegen

d) EKD-Denkschrift, Hannover 2007

  • Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen

e) Offener Brief von 138 muslimischen Theologen an die Christen der Welt,

Jordanien 2007

  • Muslime und Christen gemeinsam stellen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ohne Frieden zwischen diesen beiden Gemeinschaften kann es keinen wirklichen Frieden in der Welt geben. Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab.

Unsere Aufgabe kann nicht sein, erneut eine Denkschrift oder einen Grundsatztext zu verfassen. Vielmehr wollen wir unseren Ansatz als Beispiel und als Anregung zur Ver­fü­gung stellen.

3.
Als wir unsere Arbeit aufnahmen, war in der epd-Dokumentation 26 (27.06.2006) der „Appell aus Baden“ erschienen: „Was jetzt dringlich ist – zur christlichen Weltverantwortung am Anfang des 21. Jahrhunderts“. Er diente uns als Aufforderung, die „Friedensfrage als eine Frage an den Dialog zwischen Christentum und Islam“ zu behandeln. Denn sowohl in den internationalen politischen Konfliktherden (Nahost, Irak, Afghanistan, Balkan, Sudan u.a.) als auch in innenpolitischen Auseinandersetzungen um Integration von Migranten wird in der öffentlichen Wahrnehmung Gewalt vermehrt mit dem islamischen Glauben in Verbindung gebracht. Wir sehen daher die Notwendigkeit, dass Christen und Muslime ihre ethischen Werte überprüfen und auf ein friedliches Miteinander hinwirken, das der reli­giösen Legitimation von Gewalt den Boden entzieht.

Der Dialog hat nur Chancen, wenn er „auf Augenhöhe“ geschieht. Also darf keiner der Dialogpartner die Defizite nur jeweils beim anderen vermuten. Auch darf keiner von einer Höherwertigkeit eigener Weltanschauung ausgehen, in deren Werte hinein er den anderen „missionieren“ will.

Es ist darum für uns unerlässlich, dass wir zuerst unsere eigene, also biblische Grundlage und unsere eigene kirchliche Tradition überprüfen im Blick auf deren Missdeutungen, Irrtümer und Verfehlungen. Nur von einem solchen Versuch aus können wir uns ein Gespräch vorstellen, in dem wir dann auch das Gegenüber befragen dürfen zu dessen religiösen Missdeutungen und deren Gewalterscheinungen in Politik und Geschichte.

So haben wir Gewaltgeschichten der Bibel aus ihrer Zeit heraus zu verstehen versucht (z.B. 1. Sam 15: Sauls Ausrottung der Amalekiter aufgrund göttlichen Auftrags). Erst wenn wir solche Texte nicht tabuisieren, können wir verantwortungs- und hoffnungsvoll mit den zahlreichen Bibelworten arbeiten, die vom Friedensauftrag Gottes zeugen.

Desgleichen haben wir am Beispiel der Kriegsrechtfertigung seitens der protestantischen Kirche Deutschlands in der Zeit zwischen den Weltkriegen erfahren, wie sich Theologie zum Handlanger imperialistischer Politik machen lassen konnte. Erst wenn wir solche Er­scheinungen als geschichtsmächtig erkannt haben, können wir verantwortungs- und hoffnungsvoll diese Sicht überwinden und Teil der Kräfte werden, die aus damaligen Minderheitspositionen zum überzeugenderen ethischen Impuls geworden sind (z.B. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King Jr.).

Nach diesen zwei exemplarischen „Selbstbesinnungsthemen“ und nach der Erstellung von Kriterien als „Plattform“ für ein Gespräch mit Muslimen über Friedensfragen (s. Anhang) konnten wir namhafte Vertreter der örtlichen islamischen Glaubensgemeinschaften einladen. Diese Gespräche haben wir zunächst nicht (gemeinde-)öffentlich geführt. Wir wollten vermeiden, dass allzu schnell eine vorurteilsbelastete und populistische Atmo­sphäre das Ziel verwässert. Unser Anliegen ist, nach gründlicher Vorbereitung mit thesengestützten Forum-Veranstaltungen unsere Erfahrungen und Absichten in die Gemeinden hinein zu tragen.

4.
An einer Stelle allerdings sahen wir uns zum Handeln veranlasst. Unsere Stadt wurde 2008 erschüttert durch einen Mordfall: Ein Mädchen wurde von seinem Bruder erstochen, weil dieser Anstoß genommen hatte an ihrem „westlichen“ Lebensstil, der ihm mit seinem afghanisch-islamischen Migrationshintergrund unvereinbar schien. Besorgt haben wir in der Öffentlichkeit beobachtet, dass Vorurteile und Ängste gegen den Islam geschürt wurden.

Die öffentliche Erklärung der SCHURA, des Rates der islamischen Gemeinschaften in Hamburg, wurde in den Medien nicht abgedruckt. In dieser war klar gestellt worden, dass der muslimische Glaube Gewalt nicht rechtfertigt und dass die Handlungsweise des Bru­ders unislamisch ist. Dies brachte uns dazu, den Text in einer eigenen Stellungnahme zu zitieren und in den Gemeinden zu veröffentlichen.

5.
Der Dialog zwischen Muslimen und Christen braucht

  • die Zusammenarbeit von Menschen aller Religionen, die sich für Frieden durch Ge­rechtigkeit einsetzen sowie
  • gegenseitige Solidarität und Hilfe,
  • damit unsere Positionen Verbreitung finden
  • die Verständigung Fortschritte macht
  • und wir auch innerhalb unserer Religionsgemeinschaften zu einer Fortentwicklung gegenüber archaischen Fehlinterpretationen und Recht­fertigungen von Gewalt gelangen.

Für die Praxis ist es hilfreich, folgende „Dialogprinzipien“ (J. Micksch, Evangelisch aus fundamentalem Grund, 2007) zur Grundlage von Gesprächen zu machen:

  • Differenzen werden offen angesprochen
  • Gespräche werden partizipatorisch vorbereitet
  • qualifizierte Gespräche sind langfristig anzulegen
  • Ideale sind mit Idealen und die Praxis ist mit der Praxis zu vergleichen
  • zu einem gelingenden Miteinander gehören Aufrichtigkeit und Transparenz
  • erforderlich ist die Bereitschaft zur Kritik und Selbstkritik

 

Anhang

„Plattform“ für Gespräch mit Muslimen über die Friedensfrage

1. Wir sind eine Gruppe von Christen und Christinnen, die aus christlicher Verantwortung nach Bedingungen und Möglichkeiten für Frieden fragt.

2. Wir sehen die biblische Botschaft auf den Friedenswillen Gottes gerichtet.

3. Wir fragen uns: Was kann unser Beitrag dazu sein?

4. Mit Sorge nehmen wir wahr: Auch innerhalb der Christenheit und ihrer Kirchen gibt es Uneinigkeit über die Bemühungen um Frieden.

5. Mit Sorge sehen wir, wie Politiker wieder Kriege mit christlich-ethischer Begründung führen.

6. Hoffnungsvoll hören wir Stimmen aus dem Islam, dass der Koran den Frieden als Bestimmung des Menschen lehre.

7. Aber besorgt sind wir angesichts zahlreicher Gewalt-Erscheinungen, die unter Berufung auf den muslimischen Glauben geschehen.

8. Daher suchen wir das Gespräch zwischen den Religionen, um zu Bündnissen in der Bemühung um Frieden zu kommen.

9. Wir wollen dabei erkennbar machen, wie wir mit den gewalttätigen Texten der Bibel umgehen, wie wir sie historisch-kritisch zu deuten vermögen, damit sie nicht dem Friedenszeugnis im Wege stehen, aber auch nicht einfach durch Verdrängung erledigt werden.

10. Wir wollen auch unsere Auseinandersetzung mit den gewaltbestimmten Phasen der christlichen Geschichte (Kreuzzüge / Kolonialismus / Sklaverei / Apartheid / Juden-Pogrome) und ihrer theologischen Traditionen aufzeigen.

11. Aus beidem: der Reflektion von Bibel und Geschichte bilden wir unser Urteil in der Gegenwart - unter Umständen auch in Auseinandersetzung mit andersdenkenden Christinnen und Christen.

12. Daher fragen wir auch unsere muslimischen Gesprächspartner nach ihrer Deutung von gewalttätigen Texten im Koran und Gewalt-Erscheinungen, die sich auf den Koran berufen.

13. Wir fragen die Gesprächspartner, wie deren Umgang mit Andersdenkenden innerhalb des Islam ist.

14. Schließlich wollen wir dazu beitragen, dass in der Öffentlichkeit und in den Medien ein differenzierteres Bild des Islam zur Wirkung kommt und nicht die Gewalt-Erscheinungen vorherrschen.

 

Für den Arbeitskreis Friedensethik Hamburg-Fuhlsbüttel und Langenhorn, März 2009

Dr. Otto Hell, Dr. Walter Horstkotte, Heidi Kahlke, Prof. Dr. Winfried Kahlke, Barbara Kiesewetter, Gisela Leffmann, Carsten Moß, Regina Moß, Horst Pothmann, Martin Prante, Krista Prante, Dr. Albert Schäfer, Hannelore Schäfer, Dieter Semprich

Kontaktadresse: Dr. A. Schäfer, Pastor em. Moorreye 76, 22415 HAMBURG, Tel. 040-40297153;