Forum für Friedenserziehung

FORUM FÜR FRIEDENSERZIEHUNG

Zürich, Schweiz

 



Beitrag zur

Schlussdeklaration der OeRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt




Vorüberlegungen

Im Blick auf die Schlussdeklaration 2011 der Dekade scheint es mir wichtig, das spezifisch Christliche am Friedensauftrag Jesu herauszuarbeiten: die aktive Gewaltfreiheit. Natürlich ist die Gewalt vielschichtig und auf allen Ebenen der Gesellschaft und des Lebens anzutreffen; und sind wir gefordert, als ChristInnen je in den konkreten Situationen unser Bestes zur wirksamen Überwindung von Gewalt beizutragen (vgl die 8 Themenbereiche der IEPC). Meine Befürchtung dabei ist, dass wir vor lauter Massnahmen auf allen 8 Ebenen am Ende das Proprium dessen, was die christliche Botschaft beitragen kann, aus dem Blick verlieren.


Nach wie vor verwechseln die meisten ChristInnen Gewaltfreiheit mit 'immer freundlich bleiben, harmonisch miteinander umgehen und passivem Gewaltverzicht'. Mit Gandhi bin ich der Meinung, dass ein solches Missverständnis sich von einer aktiven Gewaltfreiheit so diametral unterscheidet wie der Nord- vom Südpol. Aktive Gewaltfreiheit heisst: Konflikten, Gewalt- und Unrechtssituationen mit aller Kraft die Stirn bieten - wie Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung vordemonstriert haben - aber mit der geistigen Kraft der Liebe und notfalls mit schöpferischer Leidensbereitschaft. Wer, wenn nicht wir ChristInnen, kann der Welt die Botschaft Jesu bezeugen, dass der Geist der Liebe stärker ist als der Tod?


Deshalb meine ich, der Kern der Schlussdeklaration müsste eine Entfaltung dieses neuen, gewaltfreien Friedensansatzes sein, ev mit modellhaften Beispielen erläutert. Den umfassenden Hintergrund bildet dabei das ganzheitliche Verständnis von Shalom im 1. Testament.

Dynamischer Friede und aktive Gewaltfreiheit scheinen mir besser geeignet, die biblische Verheissung und Beauftragung mit ihrem Wagnischarakter einzufangen als Begriffe wie (menschliche) Sicherheit, die in meinen Augen zwar auch umfassend, aber eher defensiv sind.


Ein paar Fallstricke sollten vermieden werden:

  • Es geht nicht um eine theoretisch-abstrakte Entscheidung Gewaltfreiheit Ja - Nein. Nicht um eine Doktrin, dass Gewaltfreiheit in jedem Fall der einzig richtige Weg sei. Allerdings auch nicht darum, zu behaupten, dass es Situationen gebe, in denen diese nicht möglich sei. Vielmehr geht es darum, dass Menschen und Kirchen sich konkret auf den Weg machen, um gewaltfreies Verhalten auszuloten, und zu sehen, wie weit sie damit kommen! Denn ob und wieweit Gewaltfreiheit möglich ist, hängt davon ab, ob Menschen bereit sind, diesen Weg zu verkörpern (inkarnieren). Dazu brauchen sie von der Dekade Ermutigung, konkrete Orientierung und praktische Anleitung und Ermächtigung.

  • Es geht nicht darum, zu behaupten, dass Gewaltfreiheit immer zum Erfolg führe, oder keine Opfer verlange. Aber umgekehrt fordern ja Gewalt und Krieg fast zwangsläufig noch viel mehr Opfer, und verschlimmern in der Regel Hass und Zerstörung nur noch.

  • Es geht nicht darum, zu behaupten mit der Gewaltfreiheit könne man regieren. Zwar erwarten die Regierenden von Soldaten, dass sie bereit sind, ihr Leben zu opfern - aber alle hoffen insgeheim, den Feind zuerst zu töten statt selber getötet zu werden. Das eigene Leben hinzugeben ohne den Rückgriff auf Waffen und Gegenwehr ist ein viel schwierigerer Anspruch. Dafür kann sich zwar der Einzelne als Christ entscheiden, kaum je aber ein Volk als Ganzes (Ausnahmen gab es!). Aber geht es für uns als Kirchen und Christen nicht gerade darum, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit (= Liebe) in aller menschlichen Vorläufigkeit zu bezeugen und vorzuleben - und eben nicht eine Ethik für die Herrschenden zu entwerfen?

 


Im Folgenden ein Entwurf für wichtige Aspekte, die ich in einer Schlussdeklaration sähe:


1. Überwindung von Gewalt muss in vielen Bereichen ansetzen

Gewalt bedroht Menschen und Umwelt in vielerlei Formen (vgl Galtungs weiter Gewaltbegriff): Direkte physische Gewalt (von der Selbstzerstörung und Häuslichen Gewalt bis zum Krieg), psychische Gewalt ( Verletzungen durch Worte und inhumane Haltungen), strukturelle Gewalt ( institutionalisierte Diskriminierung, zB Frauenrollen) bis zur kulturellen Gewalt ( kulturelle und ideologische Rechtfertigungen für Gewalt).

Entsprechend sind die ChristInnen und Kirchen gefordert, auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen mit andern Menschen und Institutionen zusammen vielfältige Massnahmen zur Überwindung von Gewalt zu überlegen und Schritte dazu zu entwickeln.



2. Der spezifische Beitrag der ChristInnen: Die aktive Gewaltfreiheit

Der besondere Beitrag des Evangeliums liegt primär nicht in speziellen Massnahmen und Aktivitäten zur Sicherheit, Frieden, Gewaltüberwindung in bestimmten Bereichen (im Wo), sondern im Wie: Im Weg der schöpferischen Gewaltfreiheit. Gewaltfreiheit als prinzipielle Haltung verstanden, die grundsätzlich das Wohl auch des Feindes und der Feindin sucht, die angesichts von Unrecht nicht passiv bleibt, sondern ihm höchst aktiv, aber gewaltfrei die Stirn bietet, und die um die Macht der Vergebung weiss und die Dynamik, lieber selber Gewalt auf sich zu nehmen als Gewalt zuzufügen. Gandhi und Martin Luther King haben vordemonstriert, wie gut organisierte gewaltfreie Bewegungen Unrecht gemeinsam widerstehen, Gewaltstrukturen gesellschaftspolitisch überwinden und soziale Konflikte ohne Gewalt lösen können.


3. Jesus beruft uns, gewaltfreie FriedensstifterInnen zu sein

Jesu fasst seine ganze Botschaft im Doppelgebot zusammen: Liebe Gottes und Liebe zum Nächsten. Wie Gott uns vorbehaltlos liebt, sollen auch wir uneingeschränkt lieben. Glaube bewährt sich nach Jesus gerade dort, wo's schwierig wird: in der Feindesliebe, ja notfalls sogar in der Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben. Nicht aus romantischer Gefühlsduselei, sondern aus der Einsicht intelligenter Liebe. Weil Jesus weiss, dass Gewalt Probleme nicht löst, sondern nur neue Ressentiments und Hass erzeugt, und sie damit nur verschlimmert.

Sollen wir dann Unrecht einfach schlucken? Mitnichten. In seinen berühmten Beispielen in der Bergpredigt zeigt Jesus, dass und wie das Böse durch das Gute überwunden werden soll: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann schlage nicht zurück oder renne nicht einfach davon, sondern biete auch die andere Wange hin! Denn durch diese unerwartete Reaktion können dem Gegner die Augen aufgehen, das Gewissen berührt werden für das was er tut. Und wenn nicht, dann eskaliert die Gewalt wenigstens nicht, sondern kommt durch mich an ein Ende.

Schon Jesus beschränkt die Gewaltfreiheit nicht auf das persönliche Umfeld. Im Zug nach Jerusalem und der Tempelreinigung konfrontiert er sich mit den damaligen Unrechtsstrukturen: Dem ungerechten Rein-Unreinheits-Kult und den ökonomischen Privilegien der Reichen und Mächtigen. Er tut dies gewaltfrei, denn er steht zu seiner Tat, und nimmt folgerichtig Verfolgung, Verhaftung, Folter und Hinrichtung in Kauf, ohne selber zur Gewalt zu greifen. Im Gegenteil, er hält bis zum Ende an der schutzlosen Liebe fest, nötigt sogar Petrus, sein Schwert wieder einzustecken. Das eschatologisch Einmalige ist aber, dass dieses vordergründige Scheitern nicht in den Tod führt, sondern in die Auferstehung: In Jesu Auferweckung bekräftigt Gott, dass ein solches Leben aus der Liebe erst Sinn macht, ins eigentliche Leben führt!


4. Das Besondere an der aktiven Gewaltfreiheit: Nein zum Unrecht, Ja zur Person

Die Schwierigkeit einer gewaltfreien Haltung besteht darin, dass sie eine scheinbar widersprüchliche Doppelbotschaft aussendet: Nein! zum Unrecht: Ich widerstehe dem Übel, der Gewalt, die du als FeindIn ausübst; aber Ja! zur Person: Gleichzeitig achte und respektiere ich bedingungslos deine Würde und Unverletzlichkeit als Person; deshalb hast du von mir nichts zu befürchten! Die gewaltfreie Strategie sieht den Gegner nicht als Feind, sondern als Menschen, der in seinem Irrtum und seiner Geschichte gefangen ist (Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun), und strebt deshalb die Befreiung der Unterdrückten und der Unterdrücker an. Sie weigert sich, selber am Unrecht weiter mitzuwirken, und entzieht so den Mächtigen ihre Macht (vgl Wende in Osteuropa 1989!).

Indem sie dabei auf Drohung und Gewalt verzichtet, sondern lieber selber Leiden auf sich nimmt als Leiden zufügt, appelliert sie an das Gewissen der GegnerInnen, selber auch einen Schritt zu tun. Vor allem aber vermag die Risikobereitschaft, lieber selber den Preis zu bezahlen, die Öffentlichkeit aufzurütteln und SympathisantInnen zu mobilisieren,.


5. Der spezifische Beitrag des Christentums zum gewaltfreien Handeln

a. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes und damit unverletzlich

Wenn Menschen und Natur Gottes einmalige Schöpfung sind, und von ihm Sinn, Wert und Würde haben, haben wir kein Recht, deren Freiheit oder Leben zu verletzen.


b. Glaube gibt Kraft und Hoffnung

Gewaltfreies Handeln braucht viel Energie, Mut, Ausdauer und Phantasie. Viele sind gleichgültig, nur wenige engagieren sich. Wir machen die Erfahrung, dass wir schwach und ohnmächtig sind, nicht gegen die Mächtigen und ihr Geld ankommen. Oft stehen wir in der Versuchung zu resignieren. Glaube gibt uns die Gewissheit, dass jeder kleine Schritt zum Guten schon seinen Wert in sich trägt, und deshalb Sinn macht: Der Weg ist das Ziel. Dies entlastet uns vom Erfolgsdruck.

Gleichzeitig gibt er uns die Gewissheit, dass die Welt und die Geschichte letztlich in Gottes Hand liegt, und bei ihm alle Dinge möglich sind. Deshalb können wir auch dort, wo wir keinen Ausweg sehen, hoffen.


c. Glaube macht uns frei dazu, lieber selber Gewalt auf uns zu nehmen, als Gewalt zuzufügen.

Glaube macht uns frei von Angst. ' Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen' Den eigentlichen und einmaligen Beitrag des christlichen Glaubens sehe ich in dieser Verheissung Jesu: Gott liebt uns, wie immer wir sind, und will, dass wir diese Liebe ebenso bedingungslos an unsere Nächsten weiterschenken. Wo wir mit Gewalttätern konfrontiert sind, kann das bedrohlich oder sogar lebensgefährlich werden. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis, Angst um uns selbst deshalb ein Urimpuls, der uns immer wieder zur Notwehr, zur Verteidigung mit allen Mitteln treibt. Mit seiner Zusage, dass die Liebe stärker ist als der Tod, will Gott uns von unserer Angst befreien. Gottesvertrauen gibt uns die geistige Kraft, lieber selber Gewalt auf uns zu nehmen, als Gewalt zuzufügen. Glauben macht uns frei von der Sorge um uns selbst, frei für die Andern. Frei davon, was die Andern von uns halten, dh frei zum unabhängigen Denken und Handeln. Ja im Extremfall sogar frei, um der Liebe willen das Leben hinzugeben (Martin Luther King). Erst dies ist wirkliche Freiheit!


d) Glaube befreit uns zur Vergebung und Versöhnung

Weil Gott uns immer wieder vergibt und sich mit uns versöhnt, können und sollen auch wir vergeben. 'Und vergib uns, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern'. Der Glaube befreit uns zur Vergebung in zweierlei Hinsicht: Einerseits indem wir im Angesicht Gottes realisieren, wie sehr wir selber unvollkommen, lieblos, Sünder, und damit vergebungsbedürftig sind. Und andererseits, indem wir die Wiederherstellung der Gerechtigkeit getrost Gott anheim stellen dürfen: ' Rächt Euch nicht selbst, denn... mein ist die Rache, ich will vergelten' spricht Gott - nicht nach unserer menschlichen Vorstellung von Vergeltung, sondern nach seiner barmherzigen Weise der Gerechtigkeit. Dies befreit uns von unseren Gefühlen des Hasses und Ressentiments, und kann uns dazu freimachen , nicht nur 7 mal, sondern sogar 77 mal zu vergeben (Mt 18, 21)!


6. Kein Absolutheitsanspruch

Wenn wir betonen, wie zentral im Evangelium der Auftrag zur aktiven Gewaltfreiheit schon bei Jesus angelegt ist, und wie wichtig der christliche Glaube dafür ist, bedeutet das, dass die christliche Botschaft diesen Schatz im Acker uns zuspricht und uns dazu in einzigartiger Weise ermächtigt. Dieser Zuspruch und Anspruch ist aber nicht exklusiv. Auch andere Religionen und humanistische Weltanschauungen ermächtigen auf ihre Art zum aktiven gewaltfreien Handeln.


7. Option für Gewaltfreiheit statt Lehre vom Gerechten Krieg

Während die junge Christenheit den Waffendienst noch weitgehend ablehnte, öffnete Augustin mit seiner Lehre vom Gerechten Krieg der Rechtfertigung der Waffengewalt durch die Kirche Tür und Tor. Das Hauptargument war der Schutz unschuldiger Dritter vor ungerechter Gewalt, in der Folge wurde auch die Notwehr zur Verteidigung der eigenen Nation oder des eigenen Lebens sanktioniert. Zwar nur unter gewissen Bedingungen: Es sollten alle andern Mittel ausgeschöpft sein. Das noble Ziel sollte den Gewalteinsatz rechtfertigen, und die Mittel verhältnismässig sein. Die Katastrophe der seitherigen Weltgeschichte und der Rolle der Kirche besteht darin, dass die Eigendynamik der Rüstung und des Krieges regelmässig diese Einschränkungen überrollt, und auch die Christen und Kirchen dabei mitreisst. Nie wurden jemals zuerst alle andern Mittel ausgeschöpft; denken wir nur an die reiche Palette des gewaltfreien Widerstandes und Zivilen Ungehorsams! Fast immer steigerte sich der Krieg zu immer grösserer Brutalität und Massaker (Verhältnismässigkeit der Mittel...!).

Die Hauptkritik trifft aber die Begründung: Wer kann behaupten, dass im Licht des Evangeliums meine Familie, mein Land mir näher stehe als die- oder dasjenige der Feinde? Wie Jesus sagt, als seine Familie ihn aufsucht: 'Wer sind meine Mutter und Brüder?...Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter'. Hat nicht gerade der Feind meine gewaltfreie Liebe besonders nötig? Und verlangt Gott von uns als ChristInnen mehr zum Schutz Unschuldiger, als dass wir unser Leben hingeben? Wären ChristInnen und kirchlichen Gemeinschaften, die im Dienst des gewaltfreien Friedensschaffen ihr eigenes Leben einsetzen, nicht das stärkste Zeugnis für den Glauben?!

Natürlich kann eine solche Selbsthingabe von den Kirchen nicht verordnet werden. Aber ist es nicht ihre Aufgabe, ihre Mitglieder auf den gewaltfreien Weg als eigentlichen christlichen Friedensweg hinzuweisen, sie darüber aufzuklären und darauf vorzubereiten?


8. Option für Gewaltfreiheit statt Lehre vom Schwert

Die 2-Reiche-Lehre von Augustin und Luther versucht das Dilemma so zu lösen, dass der Mensch als einzelner Christ im Glauben schon im Reich des Hl. Geistes lebt, und als solcher der Gewalt entsagen soll. Da es aber in der Welt das Böse und zerstörerische Gewalt gibt, hat Gott dafür Christen als weltliche Herrschaften und Mächte eingesetzt, um mit dem Schwert dem Recht Nachachtung zu verschaffen, dh die Bösen zu bestrafen und die Guten zu schützen (Paulus in Rö 13).

Jesus geht das Problem der Macht grundsätzlicher an (Mt 20, 25ff): 'Ihr wisst, dass die Fürsten der Völker sie knechten und die Grossen über sie Gewalt üben. Unter euch soll es nicht so sein, sondern wer unter euch gross sein will, sei euer Diener'. Jesus weiss: Herrschen ohne Gewalt ist praktisch unmöglich. Deshalb richtet er sich an die Ausgestossenen, Schwachen als seine JüngerInnen. Und fordert sie auf, sich aufzurichten, aber indem sie dienen, und nicht Macht anstreben. Als Vision könnte man sich eine horizontale Gemeinschaft von Menschen vorstellen, die alle ihre Macht in die eigene Hände nehmen und demokratisch gleichwertig mitentscheiden.

Solange wir aber noch Regierungen und Christinnen in Machtpositionen haben, wird es darum gehen, in Interessenkonflikten und zB bei krimineller Gewalt möglichst gewaltfreie Wege der Bearbeitung zu erschliessen - im Bewusstsein darum, dass auch zB polizeiliche Gewalt eine schuldhafte Notmassnahme ist, die im Licht einer engagierten christlichen Gemeinschaft eigentlich nicht nötig sein dürfte.


9. Gewaltfreies Handeln muss inkarniert werden

Gewaltüberwindung setzt Menschen voraus, die sich mit ihrer ganzen Existenz Konflikten aussetzen und Gewaltsituationen entgegentreten. Gewaltfreie Veränderung bedingt Menschen, die die gewaltfreie Haltung in ihrem Widerstand und in der Veränderung verkörpern. Ob Gewaltfreiheit möglich ist, kann deshalb nicht abstrakt theoretisch entschieden werden. Es reicht auch nicht Gewaltfreiheit zu predigen, sie muss im Tun verkörpert werden. Nur in konkreten gelebten Konflikten können gewaltfreie Verhaltensweisen erprobt und entwickelt werden. Eine Hauptaufgabe der Kirchen wäre es, Räume und Foren zu schaffen, wo gewaltfreies Verhalten schon im Alltag entwickelt und gelernt werden kann. Und freiwillige FriedensstifterInnen freizustellen, die in aktuellen Krisenherden praktische Erfahrungen mit gewaltfreiem Handeln sammeln können. Dies würde mit der Zeit den Kirchen einen Erfahrungsschatz mit einer reichhaltigen Palette konkreter gewaltfreier Handlungsmöglichkeiten und einen Pool erfahrener Leute bereitstellen.


10. Gewaltfreier Widerstand ist möglich

Das Verdienst von Gandhi und Martin Luther King ist es, dass sie erstmals in der Geschichte die aktive Gewaltfreiheit gezielt, systematisch und im Grossen organisiert eingesetzt haben - mit eindrücklichen Resultaten. Inzwischen gibt es viele weitere historische Fallbeispiele, in denen grössere Bevölkerungsgruppen und Bewegungen bewusst gewaltfrei Widerstand leisteten: Im Kapp-Putsch 1920, in Le-Chambon-sur Lignon/F und im Lehrerstreik in Norwegen gegen die Nazis 1944, CSSR 1968, gegen die Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika, zum Sturz der Diktatur in den Philippinen 1985 und in Madagaskar, bei der Wende in Osteuropa 1989, in der Ukraine, in Georgien und an vielen andern Orten. Ihre Erfahrungen sind noch kaum ausgewertet und publik gemacht worden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass angesichts der Unterdrückung die vielen kleinen Leute an der Basis ihre Macht in die eigene Hände zurücknehmen, ihre Zustimmung, Gehorsam und Mitwirkung verweigern. Und dass sie repressiver Gewalt nicht mit Gegengewalt begegnen, sondern mit dem Mut, selber Risiko und Leiden für eine Veränderung auf sich zu nehmen. Natürlich ist jede Situation verschieden. Trotzdem wäre es in meinen Augen eine Hauptaufgabe der Kirchen, diese Erfahrungen aufzuarbeiten und für eine soziale Strategie der Gewaltüberwindung fruchtbar zu machen.


11. Gewalt nicht theologisch rechtfertigen

Gewalt widerspricht der Liebe, und ist deshalb in jedem Fall Sünde. Es kann Situationen geben, in denen wir keinen andern Weg als Gewalt mehr sehen. Aber dann sollten wir Gewalt nicht rechtfertigen, sondern als Sünde bezeichnen. Gott verzeiht Schuldnern und Schuld. Aber er will, dass auch wir vergeben, und dass wir unsre ganzen Kräfte anstrengen, um in Zukunft Gewaltsituationen mit Gewaltfreiheit zu überwinden. Deshalb sollten die Kirchen der Lehre vom Schwert und vom Gerechten Krieg absagen. Und sich nach Kräften dafür einsetzen, dass das skandalöse Missverhältnis zwischen Mitteln für Aufrüstung und Krieg, und für aktive Friedensarbeit umgekehrt wird!!! Der Einsatz für Gewalt muss abnehmen, der Einsatz für Gewaltfreiheit muss entsprechend zunehmen!


Ueli Wildberger

Zürich, 1.7. 08


PS.

Wie aktive gewaltfreie Friedens- und Versöhnungsarbeit aussehen kann, wird am besten aus gelebten Erfahrungen und Fallbeispielen deutlich. Der OeRK hat mit Peace to the City mit seinen 7 Modellprojekten einen guten Anfang gemacht. Ich fände es gut, der Schlusserklärung ebenfalls eine Dokumentation mit beispielhaften gewaltfreien 'Mutmachergeschichten' beizufügen (vgl zB die eindrückliche Biographie von Jean und Hildegard Goss-Mayr: Wenn Feinde Freunde werden). (Gern bin ich dabei behilflich).