Den Krieg nicht mehr lernen

Die "Schorndorfer Erklärung" ist ein Beitrag des "Schorndorfer Ökumenischen Montagsgebets für den Frieden in der Welt", zu der vom Ökumenischen Rat der Kirchen im Jahre 2011 in Jamaika geplanten "Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation".

An alle Christinnen und Christen:

Den Krieg nicht mehr lernen 

Stimmen aus Schorndorf 

Wahrnehmung

Der "Krieg gegen den Terror", der nach dem 11. September 2001 erklärt wurde, kann nicht gewonnen werden, weil er selbst Terror ist und neuen Terror erzeugt. Wir leben sechs Jahre später in einer Welt, in der das Töten und Getötetwerden alltäglich geworden ist und das Menschenleben immer weniger gilt. Wir nehmen auch mit Sorgen wahr, dass sehr oft der Versuch gemacht wird, Konflikte aller Art mit Gewalt zu lösen.

Die Rolle des Christentums

Als Christinnen und Christen bekennen wir, dass seit den Tagen des Kaisers Konstantin unterdrückende und kriegerische Gewalt auch vom Christentum ausgegangen ist.

Heute wird in den Augen der übrigen Welt die ökonomische und  militärische Übermacht der westlichen Industriestaaten dem Christentum zugerechnet. Die NATO wird von den anderen Völkern als aggressive christliche Streitmacht erlebt, die an vielen Orten der Welt eingreift, Kriege führt und ihre Interessen durchsetzt.

Der radikal islamistische Flügel des Islam, der zweitgrößten Weltreligion, ist inzwischen mit neuen, schrecklichen Kampfformen wie denen der Selbstmordattentäter zum Gegenangriff  gegen den "gottlosen Westen" angetreten.

Der Auftrag der christlichen Kirche

Wir können die Botschaft des Alten und des Neuen Testaments mit dem Satz zusammenfassen, dass Gott das Volk Israel, Jesus aus Nazareth  und die christliche Kirche dazu erwählt und damit beauftragt hat, ein Segen für die Erde zu sein.

Die christliche Kirche, die sich zu Jesus bekennt, hat sich in den ersten zwei Jahrhunderten  als "Nichtregierungsorganisation" waffenlos und unaufhaltsam ausgebreitet, weil ihre Botschaft, dass jeder Mensch seine Würde und sein Lebensrecht hat, immer mehr Menschen überzeugte.  Jesus hat gelehrt und für diese Lehre sein Leben gelassen, dass Gott auch die Gottlosen liebt und dass Böses nicht mit Bösem überwunden werden kann. Wir bitten im Vaterunser um das Kommen des Reiches Gottes, um Vergebung unserer Schuld  in der Bereitschaft, selbst zu vergeben.

Wissen wir nicht mehr, dass wir selbst erlöst werden müssen vom Bösen?

Umkehr von Irrwegen

Der Irrweg des Christentums, die Verfälschung des Evangeliums tritt krass zutage, wenn Christinnen und Christen den mörderischen Bruderkampf, der die Menschheit zu zerreißen droht, selbst organisieren oder sich in ihn hineinreißen lassen.

Kann ein Krieg gerecht sein? Kann das Töten von Menschen verantwortet werden?

Umkehr ist möglich. Viele Christinnen und Christen bemühen sich auf vielfache Weise und gewaltlos darum, dem Hass und der Angst den Nährboden zu entziehen. Auch viele Menschen in anderen Religionen und in Nichtregierungsorganisationen weltweit haben erkannt, dass es so wie bisher nicht weiter gehen darf. Sie engagieren sich, um unter verzweifelten Menschen neue Hoffnung und neuen Lebensmut zu wecken. Und doch scheint dieser Einsatz nichts daran zu ändern, dass die Gefahr für die Menschheit wächst.

Woran liegt das?

Überwindung des Militärwesens

Die Jahrtausende alte Gewohnheit der Völker, sich zum tödlichen Kampf mit dem Feind zu rüsten, geht auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus unvermindert und mit immer gefährlicheren Waffen weiter. Viele Menschen halten es für ganz unmöglich, diesen Zustand jemals zu beenden.

Christinnen und Christen sollten sich dieser Resignation nicht ergeben.  

Viele haben sich schon während der Friedensbewegung in den achtziger Jahren an die prophetische Verheißung gehalten:

"Sie werden Schwerter zu Pflugscharen machen."

Dicht dabei steht das Wort: "Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen" (Jesaja 2,4; Micha 4,3 Lutherübersetzung).  

Kriege werden von Menschen gemacht. Der Ausstieg aus dem Militärwesen kann ebenso von Menschen beschlossen und verwirklicht werden. Wir erinnern daran, dass auch die Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg dazu aufgerufen haben, "künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren..." (aus der Charta der Vereinten Nationen).

Unser Ziel ist "den Krieg nicht mehr zu lernen".

Heute ist nicht mehr der "Heldenmut" gefragt, der das eigene Leben im Kampf zur Vernichtung von Feinden aufs Spiel setzt oder beim Selbstmordattentat opfert. Gefragt ist der Jesus-Mut, der Bürgermutvon Frauen und Männern, die im äußersten Fall eher bereit sind,  selbst zu sterben als Mitmenschen zu töten.

Die jüngsten Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI) weisen aus, dass im Jahr 2006 weltweit 1,204 Billionen Dollar für militärische Rüstung ausgegeben wurden.

Wir fordern eine Umwidmung dieser Finanzen zugunsten der konkreten Arbeit der Zivilge-sellschaft, die gewaltfrei für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eintritt.  

Wir erheben unsere Stimme und erklären: Wir haben den "Glauben" verloren, dass kriegerische Gewalt, die anderen angetan wird, uns selbst auf die Dauer schützen könnte.

Wir erheben unsere Stimme und fordern einen politischen Richtungswechsel auch von unserer Regierung. Wir erwarten, dass auch sie das Ziel ins Auge fasst, den Krieg zu überwinden und energische Schritte einleitet, diesem Ziel näher zu kommen.

Mobilisierung für den Frieden

Mit diesen "Stimmen aus Schorndorf" unterstützen wir das Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001-2010 die Kirchen in aller Welt für den Frieden zu mobilisieren. Diese Initiative wird mit einer "Internationalen Ökumenischen Versammlung" abschließen, die Anfang Mai 2011 stattfinden und eine Ökumenische Erklärung zum "gerechten Frieden" verabschieden soll.

Unser Ziel ist es zu erreichen, dass die Forderung "Den Krieg nicht mehr lernen" in diese Friedensdenkschrift aufgenommen wird.

Wir bitten "Alle Christinnen und Christen" sich diesen "Stimmen aus Schorndorf" anzuschließen, entsprechend auf ihre Regierungen einzuwirken und das Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Mobilisierung des Friedens zu unterstützen.

(28 "Stimmen")

Montag, 23. Juli 2007:

Ein Beitrag aus dem Kreis des Schorndorfer "Ökumenischen Montagsgebets für den Frieden in der Welt"

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