Gemeinsam auf dem Weg zum gerechten Frieden

Eine Friedenserklärung

von Studierenden der Universität Hamburg

Volltext-Version der Erklärung zum Download "Gemeinsam auf dem Weg zum gerechten Frieden" (pdf, zweisprachig: Deutsch-Englisch)

 

Vorwort

Die Delegierten der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) haben 2006 beschlossen, den Abschluss der „Dekade zur Überwindung von Gewalt. 2001-2010“ mit einer Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation 2011 zu begehen. Das ist einerseits der Höhepunkt einer 10jährigen gemeinsamen Lern-Reise, nicht nur der Mitgliedskirchen des ÖRK; andererseits soll die Friedenskonvokation auch Impulse für die nächsten Schritte geben.

Auf dem Weg dorthin soll eine Ökumenische Erklärung zum Gerechten Frieden erarbeitet werden, die während der Friedenskonvokation in ihrer endgültigen Form verabschiedet wird. Dies setzt einen partizipatorischen Prozess voraus, der vielen Menschen die Möglichkeit gibt, sich an der Erarbeitung einer solchen Erklärung zu beteiligen.

Im Frühjahr 2007 erging ein Einladungsbrief des ÖRK an Universitäten, Theologische Fakultäten und Seminaries überall auf der Welt, sich an diesem Prozess in Form von Lehrveranstaltungen zu beteiligen. Dabei sollen nicht nur Inhalte vermittelt werden, sondern die Studierenden sind eingeladen und aufgefordert, tatsächlich ihre eigene Friedenserklärung zu erarbeiten. In der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen der Universität Hamburg und der Arbeitsstelle „Gewalt überwinden“ der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche waren wir uns rasch einig: gemeinsam wollten wir uns auf dieses Abenteuer eines lernenden Schreibens im Gruppenprozess einlassen.

Das Projekt wurde auf zwei Semester angelegt: im Wintersemester 2007/08 konzentrierten wir uns auf den deutschen Kontext, beginnend mit der Analyse der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Die von der friedenstheologischen Diskussion stark motivierte Gründung des ÖRK 1948 und die Stuttgarter Schulderklärung der Evangelischen Kirchen in Deutschland bildeten den historisch-politischen Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen: wir lasen und diskutierten die Friedensdenkschriften der EKD, beginnend mit den Heidelberger Thesen 1959 bis hin zur neuesten Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“, die im Laufe unseres ersten Semesters erschien. Für die ökumenische Dimension der Unternehmung war es unerlässlich, Dokumente aus anderen Konfessionen hinzuzuziehen: aus der Römisch-Katholischen Kirche, der Evangelisch-Methodistischen Kirche sowie den Historischen Friedenskirchen. Mehrere Sitzungen wurden den theologischen und ethischen Voraussetzungen des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Ost- und in Westdeutschland und vor allem der Ökumenischen Versammlung in der ehemaligen DDR gewidmet, sowie deren politische Implikationen und gesellschaftliche Einflüsse, bis hin zur Wende 1989.

Mit diesem Wissen ausgestattet konnten wir im Sommersemester 2008 – je mit Hilfe von zusätzlichen Experten und Expertinnen – gezielt „Tiefenbohrungen“ zu einigen der gegenwärtigen, globalen Herausforderungen vornehmen, die in einer Friedenserklärung im 21. Jahrhundert nicht fehlen dürfen: interreligiöse Beziehungen, die wirtschaftliche Globalisie­rung, auch die davon stark beeinflussten „Neuen Kriege“.

Ebenso erforschten wir Strategien zur Gewaltüberwindung, wie die pazifizierende Funktion des Rechts und neuere Verständnisse einer restaurativen Gerechtigkeit, das Konzept „Verantwortung zur Schutzpflicht“ oder Initiativen zur Bildung einer Kultur der Gewaltfreiheit. Uns wurde bewusst, wie stark die Beurteilung der verschiedenen Dimensionen von Gewalt und ihrer Überwindungsversuche vom eigenen Standpunkt abhängig ist: vom Kontext, von der religiösen Sozialisation, vom Bildungsstand, von theologischen Positionen, aber auch von Vorurteilen, die erst im Dialog erkennbar werden.

In dem begleitenden Tutorium wurden dann die jeweils neu gewonnenen Erkenntnisse in einen gemeinsamen Text überführt. Das war kein leichtes Unterfangen, wie wir schnell feststellten. Offen gebliebene Fragen mussten weiter diskutiert, Meinungsverschiedenheiten argumentativ ausgetragen bzw. ausgehalten werden. Erst dann konnten wir damit beginnen, einen Text zu formulieren. Sowohl das Seminar als auch das Tutorium waren von einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz geprägt, was den Teilnehmenden ermöglichte, sehr ehrlich miteinander ins Gespräch zu kommen.

Am Ende wurden es viele zusätzliche Sitzungen, zu denen die Studierenden freiwillig bereit waren – weit über die geforderte Pflichtstundenzahl hinaus. In der Tat ein Lernabenteuer für uns alle. Zusätzliche Motivation erfuhren wir durch die Einladung, unser Projekt dem internationalen Team-Visit des ÖRK am Ende unseres Sommersemesters vorzustellen (im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt entsendet der ÖRK international zusammengesetzte Teams in die verschiedenen Regionen der Welt, um sich vor Ort über die Gewalt und deren Überwindungsversuche ein Bild zu verschaffen).

Wir danken allen, die dazu beigetragen haben, dass wir nun diese kleine Schrift als „unsere“ Erklärung zum Gerechten Frieden der internationalen Ökumene präsentieren können. Sie dient der Selbstvergewisserung und als Diskussionsbeitrag für weitere Begegnungen mit Anderen. Besonders bedanken wir uns bei Mareile Rösner (Tutorin) und Stephan von Twardowski (Wissenschaftlicher Mitarbeiter), die mit großem Fleiß und Geduld das Projekt unermüdlich vorangetrieben haben. Joachim Wöbke ist für die Übersetzungsarbeit ins Englische zu danken, den eingeladenen Fachleuten für die Bereitschaft, uns mit ihren überaus hilfreichen und weiterführenden Informationen, Erfahrungen und eigenen Thesen weiter zu helfen.

Möge unser Ergebnis junge und alte Menschen, Männer und Frauen zu eigenen Lern-Reisen ermutigen, ihre je eigenen Friedenstexte zu schreiben und zu diskutieren. Dadurch können neue ökumenische Horizonte eröffnet werden, die zur Bildung einer Kultur der Gewaltüberwindung beitragen – entsprechend der neutestamentlichen Berufung, Friedenstifter zu sein. Uns alle hat dieses Projekt nicht unverändert gelassen und ist auch ganz sicher nicht unser letztes Wort in dieser Sache.

Dr. Fernando Enns
Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen
Fachbereich Evangelische Theologie
Universität Hamburg

Dr. Marianne Subklew
Arbeitsstelle „Gewalt überwinden“
Nordelbische Ev.-Lutherische Kirche

Volltext-Version der Erklärung zum Download: "Gemeinsam auf dem Weg zum gerechten Frieden" (pdf, zweisprachig: Deutsch-Englisch)