Ein gewalttätiger Jesus?

Fernando Enns

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Bibelarbeit zu Matthäus 21

Und Jesus ging in den Tempel hinein
und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel
und stieß die Tische der Geldwechsler um
und die Stände der Taubenhändler

und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben:
Mein Haus soll ein Bethaus heißen«;
ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie.

Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat,
und die Kinder, die im Tempel schrieen: Hosianna dem Sohn Davids!,
entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm:
Hörst du auch, was diese sagen?
Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen:
Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Matthäus 21:12-17

Ein gewalttätiger Jesus! So sehen es jedenfalls jene, die diese Geschichte als Beleg dafür ins Feld führen, dass Jesus nicht durchgängig gewaltfrei gehandelt habe, nicht stets der sanftmütige, wehrlose Friedensstifter war, den so manche Friedensbewegte als Vorbild für ein Leben in der Nachfolge Christi weichzeichnen. Und sieht man auf die Parallelstelle im Johannes-Evangelium, dann erscheint dies umso überzeugender:

"Und er machte eine Geisel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters aus zum Kaufhaus." (vgl. Joh 2:13-16)

Zwei Situationen stehen mir sofort vor Augen, in denen diese Geschichte des augenscheinlich gewalttätigen Jesus als Legitimation zur eigenen Gewaltanwendung interpretiert wurde:

Zum einen bei der gerichtlichen Verhandlung, als ich den Kriegsdienst verweigerte und dies begründen musste. Nachdem ich meine Argumentation vorgetragen hatte, dass es mir als glaubender Christ in der Nachfolge Jesu nicht möglich sei, den Dienst an der Waffe zu üben, um dann im Ernstfall auch andere Menschen zu töten, verwies mich der Richter auf diese Geschichte mit den Worten: "wenn Sie diesem Jesus nachfolgen, dann müssen Sie zugeben, dass es manchmal nicht ohne Gewalt geht".

Die andere Situation ergab sich vor kurzem bei einer Diskussion mit Studierenden des Ökumenischen Wohnheims der Universität Heidelberg, als wir einen Dekan des US-Militärs eingeladen hatten, um mit ihm über den Krieg im Irak zu diskutieren. Auf die bohrenden Fragen der Studierenden, ob er denn keinen Widerspruch sehe zwischen den Kriegshandlungen der US-Armee zu dem Evangelium Jesu Christi, das er doch zu verkünden habe, erwiderte er unter anderem mit dieser Geschichte aus dem Neuen Testament. Sie ersetzte jedes weitere Nachdenken über ein generelles Tötungsverbot oder das Gebot der Feindesliebe.

Müssen wir also zugeben, dass, wer Jesus nachfolgen will, in Grenzfällen auch - wie Jesus - zur Gewalt greifen sollte? Sehen wir uns die Geschichte genauer an. Was passiert da eigentlich?

Bevor Jesus den Tempel erreicht, zieht er in Jerusalem ein, dem Zentrum der Macht in Israel. Dies geschieht nicht ‚hoch zu Ross', sondern Matthäus weist uns auf die Ankündigung des Propheten Sacharja hin: "Siehe, Dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel..." (Sach 9:9). Dieser König kommt nicht mit Streitwagen und Waffen, sondern demütig, "sanftmütig" (vgl. Mt. 5:5). Und dennoch - oder gerade deshalb - jubelt ihm das einfache Volk (gr. "ochlos") zu. Die Bürger (gr. "polis") aber erregten sich sofort und fragten: "wer ist der?" Das Volk: "Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth". Hier scheiden sich bereits die Parteien deutlich erkennbar: die einen, die in ihm den Retter erkennen und die anderen, die nichts Gutes ahnen.

Jesu Gang zielt ins Herz der Stadt, dem Zentrum der religiösen, politischen und wirtschaftlichen Macht: der Tempel. Der Tempel war nicht nur religiöses Heiligtum, verwaltet durch die Priesteraristokratie, sondern ebenso Sitz des obersten Gerichts, Sitz der Regierungsgewalt unter der Besatzungsmacht. In seinen Mauern befand sich sogar die Staatsbank und das Nationalarchiv.

Den vielen reisenden Pilgern wurden Opfertiere zum Verkauf angeboten. Auch mussten alle eine Tempelsteuer bezahlen. Dazu war zunächst der Geldwechsel nötig, denn akzeptiert wurden ausschließlich tyrische oder althebräische Währungen, die nicht ohne eine Provision gewechselt wurden. Sowohl der Handel mit den Opfertieren, als auch der Geldwechsel fand unter der Regie der Priester-Oberschicht statt: Eine Vermischung von Religion und Kommerz, von politischen, wirtschaftlichen und religiösen Mächten. Ein "Kaufhaus", eine "Räuberhöhle" urteilt Jesus. Verständlich, dass die polis in Unruhe gerät, wenn einer das aufdeckt, indem er es beim Namen nennt.

Aber Jesus belässt es nicht allein bei Worten, sondern treibt die Geldwechsler und Händler hinaus, schmeißt ihre Tische um, Jesus wird handgreiflich. Manche Exegeten haben tatsächlich gemeint, hier eine gewalttätige Aktion zu erkennen: Jesus legt nun "seine Sanftmütigkeit ab, fängt Gewalttätigkeit und Unruhe an, maßt sich weltliche Macht an..." (H.S.Reimarus). Weitaus überzeugender ist allerdings die Interpretation, Jesu Handeln sei eine "prophetische Zeichenhandlung". So wie damals in Südafrika, als Gandhi mit anderen öffentlich die eigenen Ausweispapiere verbrannte. Gewalt? Oder so, wie die Nonnen, die sich vor ihrem Kloster auf die Straße setzen und so das Polizeifahrzeug an der Weiterfahrt hindern, das die Flüchtlingsfamilie abholen will, um sie abzuschieben. Gewalt? Wie die vielen Protestmärsche und Symbolhandlungen der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Gewalt?

Wäre es bei Jesus tatsächlich zu gewaltsamen Ausschreitungen und zu Gewalt gegen Personen gekommen, können wir sicher sein, dass die Tempelpolizei oder die römische Besatzungsmacht sofort eingegriffen hätte. Es wäre doch ein Leichtes gewesen, den Unruhestifter sofort festzunehmen, weil ein eindeutiges Vergehen vorgelegen hätte. - Damit soll Jesu Handeln nicht kleingeredet oder verharmlost werden. Auch Matthäus will das ja keinesfalls verdrängen, er hätte diese Episode ja einfach unter den Tisch fallen lassen können, wenn er gemeint hätte, sie stünde im Gegensatz zu Jesu Worten "Liebet Eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen" (Mt 5:38-44) oder gegen das höchste Gebot überhaupt (das Doppelgebot der Liebe Mt 21:37-40). Wir können davon ausgehen, dass Matthäus den Widerspruch an dieser Stelle zumindest thematisiert hätte, wenn es einen gäbe. Offensichtlich ist Jesu Handeln nicht als Gewalt-Legitimation zu deuten. Wie aber dann?

Es geht Jesus nicht darum, den politischen Umsturzplänen der gewaltsamen Zeloten recht zu geben. Es ist eine prophetische, aktive Provokation gegen jede (!) Anmaßung, die glaubt, aus eigener Macht handeln zu wollen und dadurch die Allmacht Gottes in Frage zu stellen. Das ist gegen die wirtschaftliche Macht der Tempelaristokratie ebenso gerichtet wie gegen jeden Versuch der gewaltsamen Veränderung der Verhältnisse. Denn Gewaltanwendung ist immer - auch wenn sie mit den besten Absichten geschieht - die Anmaßung, aus eigener Kraft und Mächtigkeit die Dinge zum Besseren regeln zu wollen, auch unter Inkaufnahme der Zerstörung von Leben und Beziehungen, für deren Gut man ja eigentlich kämpft. Gegen solche Hybris richtet sich die symbolische Handlung Jesu, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Damit beweist Jesus Zivilcourage. Jetzt sucht er den Konflikt, die Auseinandersetzung. Jetzt wird es unbequem, für ihn und für seine Jünger. Mit dem Einzug in das Zentrum der Macht ist die Zeit der Beschränkung auf den kleinen Kreis der Jünger endgültig vorbei. Und der Konflikt wird weiter eskalieren, das weiß Jesus. Es muss ihm klar gewesen sein, dass solche Provokationen nicht einfach hingenommen werden. Aber er will im Zentrum der Macht die Machtlosigkeit entlarven und die Vollmacht des lebendigen Gottes demonstrieren. Wer das wagt, wer den gesicherten Kreis seiner Anhänger verlässt, um auch öffentlich das Evangelium zu verkünden - mit Worten und mit symbolischen Handlungen - der muss mit gewalttätigen Gegenreaktionen rechnen.

Die Priester und Schriftgelehrten erkennen die Brisanz Jesu Handelns genau: die eigentliche Provokation liegt nicht in dem angeblich gewalttätigen Akt Jesu, sie liegt in dem Vollmachtsanspruch Jesu selbst, der allen anderen Mächte - ökonomische, politische und religiöse - ihre Grenzen zeigt. Dieser Vollmachtsanspruch wird in den Heilungen der Blinden und Lahmen sichtbar. Er wird deutlich in dem Jubel der armen Bevölkerung, die genau erkennt, dass hier nicht einfach ein politischer Agitator das Tempelgeschäft aufmischt, sondern dass hier einer mit einer Macht ausgestattet ist, der den Armen, den Unmündigen, den Kindern, den Behinderten sagt: ihr seid das Volk Gottes! Ihr seid die polis des Reiches Gottes!

Von da an werden die mächtig Ohnmächtigen alles daran setzen, eine Lösung für das "Problem Jesus" zu finden, bis er am Kreuz gefoltert wird und dort stirbt, verlassen dann auch von denen, die jetzt noch jubeln, verlassen von den engsten Anhängern sogar, eben weil er den Weg der Gewaltfreiheit so konsequent durchhält. Seine Vollmacht hätten sie gern anders demonstriert bekommen als in solcher Schmach. Allein einige Frauen harren aus am Kreuz, in Trauer.

Ein großer Bogen spannt sich vom sanftmütigen Einzug in Jerusalem bis zum Foltertod am Kreuz. Erst im Rückblick erkennen einige und dann immer mehr, dass das Kreuz die letzte Konsequenz dieses gewaltfreien Weges war. Das Kreuz wird zum eindrücklichsten Symbol der Gewaltfreiheit, die aus der Vollmacht des lebendigen Gottes lebt. Hier wird klar, welcher Gott unser Gott ist: der selbst den Tod überwindet durch die Liebe, der auf Gewalt gerade verzichtet aus Liebe zu seinen Menschen, um ihnen zu zeigen: so bin ich Euer Gott und so sollt ihr mein Volk sein. Meine Liebe ist stärker als alle Mächte und Gewalten. Diese Vollmacht gebe ich Euch, damit Ihr Böses nicht mit Bösem vergeltet, sondern mit Gutem überwinden könnt. Das ist mein Evangelium für Euch.

Nein, die Tempelaustreibung kann nicht für die Legitimierung von Gewalt herhalten. Das wäre ein Hohn! Sie gehört im Gegenteil mit zu den stärksten Einsprüchen des Neuen Testamentes gegen alle gewaltbereiten Machtansprüche, seien sie politisch, ökonomisch oder religiös motiviert.

Mir macht diese "Tempelaustreibung" Jesu aber Mut, Konflikte nicht zu scheuen, mich nicht zurückzuziehen in einen Kreis von Gleichgesinnten und nicht zurückzuschrecken vor vermeintlichen Übermächten. Dieser Mut wächst mir nicht deshalb zu, weil ich mich auf meine eigene Stärke verlasse, sondern weil ich fest an das Wort Jesu glaube, das Jesus im Matthäusevangelium nach der Tempelreinigung seinen Jüngern sagt: "Alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr´s empfangen". - Nelly, eine ältere, weise Frau aus Zimbabwe hat mir vor kurzem bei einer afrikanischen Konferenz der Friedenskirchen im Rahmen der ÖRK-"Dekade zur Überwindung von Gewalt" diese Weisheit neu ins Herz geschrieben, als wir über mögliche Strategien der gewaltfreien Überwindung von Gewalt diskutierten: "Denk immer daran, Fernando, alles fängt mit dem Gebet an".
"Mein Haus soll ein Bethaus heißen" - sagt Jesus.