Die Schändung von Tamar

Frieden in der Gemeinschaft

Eine Bibelstudie zu 2. Samuel 13,1-22

Einleitende Bemerkungen zur kontextabhängigen Bibelstudie

Die Methodik der kontextbezogenen Bibelstudie ist ein geistiges Kind der Befreiungstheologie. Hierbei wird eine interaktive Studie eines Bibeltextes angeregt. Kontextabhängige Theologie kann nicht unterrichtet werden, denn es kommt auf die Stimmen der Teilnehmer an. Es wird ein Dialog zwischen dem Kontext eines Lesers und dem Kontext eines biblischen Textes ermöglicht, wobei es Ziel dieses Dialogs ist, dem Leser Dinge bewusst zu machen und dadurch eine Veränderung zu bewirken.

Diese Methodik lässt sich in fünf Punkten zusammenfassen:

  1. Gemeinschaft – Es ist wichtig, eine Einladung von einer Gemeinschaft zu erhalten. Fragen, die bei der Interpretation auftauchen, werden von den Teilnehmern selbst beantwortet. Es kann sinnvoll sein, den Verlauf einer Interpretation nach der Methode der kontextbezogenen Theologie auf einen Tonträger aufzuzeichnen, besonders dann, wenn einige Teilnehmer nicht lesen können; es gibt ihnen Kraft zu wissen, dass das, was sie gesagt haben, beachtet wurde. Bei dieser Art des Lesens geht es nicht um die Interpretation eines einzelnen, sondern darum, dass sich alle Stimmen auf den Text einlassen. Der Verlauf einer solchen Übung ist wichtiger als ihr Ergebnis.
  2. Kontext – gesellschaftliche Einordnung eines Lesers. Zwei Wirklichkeiten, die der Interpretierenden als auch die der im Text erwähnten Personen und der ursprünglichen Zuhörerschaft, müssen ernsthaft in Betracht gezogen werden.
  3. Kritische Analyse – Der Diskussionsleiter verwendet hermeneutische Werkzeuge der Exegese und Interpretation bei der Formulierung von Fragen, die zum kritischen Nachdenken anregen sollen. Wenn ein Text, wie es bei "Die Schändung von Tamar" der Fall ist, von sexueller Gewalt handelt, müssen spezielle Hilfsmittel für die Interpretation verwendet werden.
  4. Bewusstsein – ein Thema im Herzen der Gemeinschaft zur Sprache bringen. Allgemein besteht die Tendenz, die Bibel mit der Hermeneutik des Vertrauens zu lesen und durch eine derartige Interpretation Lösungen zu finden. Eines der Ziele der kontextbezogenen Bibelstudie besteht darin, die Bibel als ein Werkzeug der Befreiung, aber auch der Unterdrückung anzusehen. So wurde die Bibel beispielsweise dazu verwendet, Apartheid und Rassismus zu rechtfertigen und sie wird heute immer noch dazu verwendet, eine bestimmte Form von zionistischer Ideologie zu rechtfertigen, welche die Besetzung von Palästina durch Israel unterstützt.
  5. Veränderung – Auslegung und Verständnis führen zu Transformation (positiver Veränderung).

Wie sollte eine kontextbezogene Bibelstudie aussehen? Sie sollte zwei Arten von Fragen enthalten: exegetische Fragen (literarische Fragen oder Fragen des kritischen Bewusstseins, die sich auf Arbeitshilfen aus akademischen Bibelstudien stützen) oder interpretierende Fragen (Fragen des Gemeinschaftsbewusstseins, die sich auf Gefühle, Erfahrungen und Ressourcen aus der Gemeinschaft stützen). Der Diskussionsleiter verwendet beim Formulieren von Fragen hermeneutische Werkzeuge der Exegese (wobei die Bedeutung des biblischen Textes innerhalb seines historischen und gesellschaftlichen Kontextes aufgedeckt wird) und Interpretation (wobei der biblische Text aus dem Kontext der Beteiligten/Interpreten gelesen wird).

2. Samuel 13,1-22

Fragen und Beobachtungen

Im Kontext der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation soll mit diesem Text das Thema „Frieden in der Gemeinschaft“ angesprochen werden. Es muss jedoch gleich zu Beginn gesagt werden, dass Vergewaltigung ein sehr heißes Eisen ist. Will man die Diskussionsteilnehmer bitten, eigene Erfahrungen oder Geschehnisse aus der eigenen Gemeinschaft zu schildern, so muss man dabei seelsorgerischen Beistand bieten und gewillt sein, auf das, was der Einzelne eventuell zur Diskussion beiträgt, flexibel einzugehen.

Wie lässt sich die „Schändung von Tamar“ nach der Methodik der kontextbezogenen Bibelstudie behandeln? Diese Textstelle, die oft als Text des  Schreckens bezeichnet wird, erscheint in den liturgischen Kalendern der meisten Kirchen normalerweise nicht. Bei theologischen Geschlechterstudien wird sie dazu verwendet, die Verschwörung oder die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, das in einer Gemeinschaft oft um Themen des sexuellen Missbrauchs herrscht. Die Untersuchung dieses selten verwendeten Textes wird als Mittel zur Veränderung verwendet. Er ist ein Mittel, um Diskussionen über Themen in Gang zu bringen, die in Kirche und Gesellschaft von Bedeutung sind.

Exegetische Fragen:

Worum geht es in dieser Geschichte?
Wer sind die Hauptpersonen in dieser Geschichte?
Was wissen wir über jede der Hauptpersonen?
Wie viel wissen wir über Davids Familie?
Was wissen wir über die Personen, die die Geschichte erzählt haben?

Eine Studiengruppe reagierte folgendermaßen auf diese Fragen:


Wenn wir das zweite Buch Samuel, Kapitel 20 lesen, erfahren wir mehr über die Situation der Frauen und über Rebellion zu Zeiten Davids.

Es ist wichtig, den Hintergrund dieser Geschichte von der Vergewaltigung Tamars zu verstehen sowie die vorangegangenen und die folgenden Ereignisse.

Die Arten von Spannungen, die das Haus Davids für einige Zeit heimsuchen werden, werfen in dieser Geschichte schon ihre Schatten voraus. 

Amnon war der erstgeborene Sohn; würde ihm etwas zustoßen, so hätte Absalom den Nutzen davon.
David, der Prototyp der Menschlichkeit und in verschiedenen theologischen Traditionen hoch geschätzt, verleiht nur seiner Wut Ausdruck und bestraft den Sohn nicht für sein Fehlverhalten.

Tamar wurde nicht wie eine Person behandelt, wie ein Du. Es ist eine Geschichte von Männern; Frauen zählen nicht. 

Der Text wurde entweder vor oder nach der babylonischen Gefangenschaft editiert. Welche Bedeutung hatte er für die Menschen dieser Zeit?   

Die Bibel scheut sich nicht, „geheime Geschichten“ zu erzählen, selbst wenn sie die königliche Familie in Verruf bringen.

Wie viel wusste Tamar über das Gesetz? Ging es dabei mehr um Einheit, Rechte oder um die Ehe in Israel?

Hat es dem Haushalt von David geholfen, Stillschweigen über diesen Vorfall (oder andere ähnliche Vorfälle) zu bewahren?

Ist es sinnvoll, unsere eigenen Fehler/Sünden bzw. diejenigen unserer Führer um des lieben Friedens willen zu verheimlichen?

Interpretierende Fragen:

Haben wir Menschen wie Tamar in unserem eigenen Kontext Gewalt angetan?

Meinen wir mit dem Begriff „Gewalt antun“ nur sexuelle Gewalt oder jede Form der Gewalt gegen Frauen?
Ist die Ausgrenzung von Frauen „Gewalt“?

Vgl. Richter 19 zu den Stimmen von Frauen; erstaunlicherweise erhält Tamar in 2. Samuel 13 keinerlei Unterstützung von anderen Frauen.

Was sagen unsere eigenen Theologien zum Problem der sexuellen Gewalt gegen Frauen?

Was würden Sie tun, um Ihre Gemeinschaft nach einem derartigen Vorfall zusammenzuhalten? 

Wie spiegelt eine missbrauchte Frau wider, was Gott ist?

Welche Ressourcen haben wir, um das Problem der sexuellen Gewalt oder anderer Arten von Gewalt anzugehen?

Was bedeutet „gerechter Friede“ in unseren Gemeinschaften?

 

Bibelstudie von Fulata Mbano-Moyo.