Gehet hin in Frieden

Aussendung in die ganze bewohnte Welt

Eine Bibelstudie zu 2. Könige 6,8-23

Einleitung

Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass in dieser Erzählung auf die historischen Umstände nur vage Bezug genommen wird, dass der Prophet im Mittelpunkt des Interesses steht und dass ein Wunder ein bestimmendes Element der Geschichte ist, denn diese Faktoren sind wichtig für die Auslegung dieses Textes.

Die Geschichte spielt sich im Großen und Ganzen vor dem Hintergrund der Aramäischen Kriege ab, doch wird keine präzise historische Information gegeben. Weder der König von Aram, noch der von Israel wird namentlich genannt. Der Autor scheint kein großes Interesse daran gehabt zu haben, der Erzählung eine historische Perspektive zu geben, sondern versucht stattdessen, die übernatürlichen Fähigkeiten von Elisa, dem Mann Gottes, zu veranschaulichen.

Wie es scheint wurde eine frühere Erzählung über Elisa erweitert durch Hinzufügen der Verse 15b-17, in denen das Thema der mächtigen Gottheit, die auf der Seite Israels kämpft, unterstrichen wird. Es scheint sich um folgende spezifische Art des Krieges gehandelt zu haben: Ein feindlicher König überfällt das andere Volk mit einer zahlenmäßig kleinen Gruppe von Soldaten, stiehlt was er kann und plündert die Dörfer und Städte, ohne dass man jedoch den Eindruck eines richtigen Krieges erhält. Derartige Handlungen sollen den Feind nicht besiegen, sondern schwächen.

Hier wie auch in Kapitel 5 wird nicht erwähnt, um welchen aramäischen König es sich handelt, weshalb eine genaue Datierung unmöglich ist. Ein Hinweis auf „streifende Rotten der Aramäer“ im hebräischen Text von Vers 23 deutet eventuell darauf hin, dass es sich nicht um einen richtigen Krieg, sondern um Grenzüberfälle gehandelt hat, wie auch in 5,2 angegeben (Entführung eines israelitischen Mädchens). Diese Überfälle wurden vielleicht nicht vom Heer von Aram, sondern von aramäischen Halbnomaden durchgeführt, die die in einem losen Bund mit Damaskus standen. Die Häufigkeit dieser Vorkommnisse sowie der Eindruck, dass die Aramäer regelmäßig zurückgeschlagen wurden (Vers 10), deuten ebenfalls darauf hin, dass es sich wohl eher um Überfälle dieser Größenordnung als um einen richtigen Krieg gehandelt hat, der doch sicher seine Spuren in der Heiligen Schrift zurückgelassen hätte.

Es ist gut möglich, dass die Beziehungen der beiden Völker das gesamte 9. Jahrhundert vor Christus hindurch durch Überfälle und Angriffe aus dem Hinterhalt gekennzeichnet waren. Im Gegensatz zu vorherigen Geschichten steht Elisa mit seinem Wirken nun in der Arena der internationalen Politik in einer Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Aram und Israel. Es gibt einen Verdacht auf Verrat (Vers 11). Es wird dargestellt, wie der syrische König ein großes Heer losschickt (Vers 14).

Umfang der Erzählung

Was die Erzählung so interessant macht, ist die Fähigkeit des Mannes Gottes, Dinge wahrzunehmen, die andere nicht sehen können, wodurch es Elisa möglich wird, den König von Israel zu warnen. Diese Tat des Propheten Israels machte den König von Aram sehr wütend. Doch er erfuhr von seinem eigenen Volk, dass der Prophet übernatürliche Kräfte besitzt. Als der syrische König den Befehl erteilte, den Propheten gefangen zu nehmen, gerieten die zu diesem Zwecke ausgesandten Kommandos alle selbst in Gefangenschaft.

Die zeitweilige Blendung der Männer, die zum oben genannten Zweck ausgesandt worden waren, steht im Kontrast zur Vision des Mannes Gottes. Mit Hilfe seiner besonderen Kräfte gelingt es dem Propheten, ein ganzes Heer, das ihn gefangen nehmen sollte, in die Irre zu führen und dem israelitischen König auszuliefern.

Anmerkungen zur Entwicklung der Geschichte

Hauptproblem – der Einfall aramäischer Überfallskommandos (vgl. auch den Beginn der Naaman-Geschichten in 5,2). Wie in Kapitel 5, ist Elisa jetzt am syrischen Königshof bekannt.

Verse 8-10 – Einführung der Hauptpersonen – der König von Syrien (Vers 8), Elisa (Vers 9) und der König von Israel (Vers 10). In der Einleitung wird auch das Motiv für das Handeln des syrischen Königs gegenüber dem Propheten erläutert.

Verse 11-14 – der komplizierende Faktor, dass das Heer ausgesandt wird. Die Ratgeber argumentieren mit der Logik, die vom Größeren zum Kleineren führt: Wenn Elisa schon weiß, was im Schlafgemach gesprochen wurde, wird er dann nicht um so mehr wissen, was im Kriegsrat gesagt wurde? „So geht hin und seht, wo er ist“ – der Befehl des Königs entbehrt nicht der Ironie.

Verse 15-17 – Die Entwicklung der Geschichte wird in den Versen 15-17 angehalten, denn hier findet sich eine Nebenerzählung, die ahnen lässt, wie es weiter gehen wird. Als der Diener sieht, dass Gottes Sieg über den Syrer unvermeidlich ist, fürchtet er sich nicht mehr.

Syriens Rosse und Wagen umzingeln Elisa (Verse 15-16). Vers 17 ist ein proleptischer Höhepunkt, der dem echten Höhepunkt von Vers 20b mit seinen wiederholten „öffnete die Augen“ und „sahen“ vorgreift.

Verse 18-20 - In diesen Versen findet sich viel Humor und Ironie, während die Geschichte vom Sehen des Dieners zur Blindheit der Armee und ihrem erneuten Sehen fortschreitet. Die syrischen Truppen werden im wahrsten Sinne des Wortes geblendet. Elisa kennt ihre Befehle und bietet an, ihnen zu helfen denjenigen zu finden, den sie suchen. Er sorgt dafür, dass sie ihren Auftrag „So geht hin und seht, wo er ist“ erfüllen, indem er sie dazu bringt zu gehen (dreimal) und zu sehen (zweimal).

Verse 21-23 – Konsequenzen und Reaktionen: die Vergebung und das Wegschicken der Gefangenen.

Elisa hat alles unter Kontrolle, selbst in der königlichen Stadt. Der König möchte die Feinde unbedingt töten, Elisa aber nicht. Hier gibt es kein heiliges Kriegsverbot wie im ersten Buch der Könige 20,31-42, und die Regeln eines zivilisierten Krieges werden eingehalten. Elisa bestimmt die Politik, indem er statt einer Hinrichtung ein Festmahl anbietet. Das zentrale Problem der Überfälle wird in Vers 23 gelöst.

Erläuterungen

Vers 8 – da und da. Hier wird im Hebräischen das unbestimmte Pronomen verwendet. Der Erzähler vermeidet es, den Ort beim Namen zu nennen, und wir müssen davon ausgehen, dass er bestimmte spezifische Fakten abstrahiert oder verallgemeinert.  Der Leser/Zuhörer braucht unter anderem deshalb nicht zu wissen, wo genau der Überfall aus dem Hinterhalt stattfand, weil es mehr als einen derartigen Angriff gab.

Vers 12 – Wenn man bedenkt, dass israelische Gefangene wie die Dienerin der Ehefrau von Namaan und andere vielleicht Nebenfrauen des Königs und seiner Offiziere wurden, so könnten sehr wohl Geheimnisse aus der Schlafkammer, wenn nicht des Königs, so doch vielleicht der Anführer der Überfälle ausgeleckt sein. Dies könnte während der Kriege eine regelmäßige Informationsquelle für den Feind gewesen sein.

Vers 15 -  Bei Naar (der Bezeichnung, die für Elisa’ Diener/Begleiter verwendet wird) könnte es sich um eine traditionelle Anrede aus dem prä-israelitischen Kanaan handeln.  Naar konnte einen Mann von Rang bezeichnen, der verschiedene Funktionen haben konnte: Waffenträger (Richter 9,54; 1. Samuel 14,1), Zahlmeister und Gutsverwalter (2.  Samuel 19,18), persönlicher Begleiter in einem nicht-militärischen Kontext (Exodus 33,11; 1. Könige 18,43; Rut 2,15).

Vers 16 – Fürchte dich nicht  – eine formelhafte Eröffnung von Erlösungsprophezeiungen, die sich in allen Schichten der biblischen Literatur findet (Genesis 15,1; 26,24; Jesaja 41,10; Jeremia 1,8).

Vers 17 – voll feuriger Rosse und Wagen: Das Göttliche (Exodus 3,2; 13,21; 19,18) und das Wesen Gottes (5. Mose 4,24) äußert sich immer wieder als Feuer. In 2. Könige 2,1 kommt das Fahrzeug, das Elisa sieht, von Gott.

Bei der Blindheit handelt es sich um folgendes: Die Truppen sind nicht vollständig blind, denn sie waren in der Lage, nach Samaria zu folgen. Blendendes Licht, auf Hebräisch sanwerim, das auch in Genesis 19,11 erwähnt wird, könnte ein akkadianisches Lehnwort von sunwarum sein, was „strahlend machen, (das Auge) scharf halten“ bedeutet. Es besteht ein Unterschied zwischen gewöhnlicher Blindheit und diesem göttlichen Lichtblitz, der kurzzeitig blendet.

Betrachtungen

Elisa steht hier im Gegensatz zum mörderischen Wunsch des Königs und tritt als Beschützer von Leben und Rechten der Feinde auf. Die Syrer, die an seinem Festmahl teilnehmen würden, würden zum Zeugnis für die übernatürlichen Kräfte des israelitischen Mannes Gottes. Auf Basis ihrer eigenen Erfahrung wären sie in der Lage zu verkünden, dass jeglicher weitere Versuch eines Angriffs gegen Israel zum Scheitern verurteilt sei, weil sich dort dieser allwissende Mann Gottes befinde.

            1. Die Geschichte ist eine Satire über die herrschende Elite. Alle Funktionäre sind machtlos; der Herr bestimmt, wer siegt. Elisa liefert entscheidende militärische Geheiminformationen. Erst als Elisa eine Nachricht schickt (Vers 9), kann der König Vorkehrungen treffen, um sich zu schützen (Vers 10). Die Streitwagen des Herrn neutralisieren diejenigen der Syrer. Er ist derjenige, der den Israeliten in dieser Angelegenheit hilft und bestimmenden Einfluss auf die königliche Gesetzgebung für den Umgang mit Gefangenen hat.

            2. So wie überall in den Büchern der Könige zeigt dieser erzählende Teil, dass die Könige von Israel, Judäa, Assyrien oder Babylon nie Kontrolle über die Geschichte des Volkes Gottes hatten; Gott steuert alles ganz alleine. Gott lässt Völker siegen. In der in den ersten beiden Büchern der Könige beschriebenen größeren Geschichte erfuhr das Volk eine vollständige, erniedrigende Niederlage durch die Babylonier, doch auch das war unter der Macht und Kontrolle Gottes.

            3. Auch hier wieder stehen die einzigartigen Kräfte des Propheten im Mittelpunkt, der so etwas wie einen „zweites Gesicht“ besitzt. Er kann Dinge sehen, die verborgen sind: den in den privaten Gemächern des Königs geplanten Hinterhalt (Verse 10-12), die feurige Kavallerie (Vers 17). Auf seinen Befehl hin werden die Augen der Feinde geschlossen und geöffnet.

Mitten in den allgemeinen Feindseligkeiten zeichnet Elisa sich als Ratgeber des Königs aus, und durch seine Voraussicht vermeidet Israel immer wieder Fallen. Da die Syrer keine königlichen Gefangenen waren, mussten sie wie geladene Gäste behandelt und dann nach Hause geschickt werden.

Das paradoxe Verhalten des Propheten wird als ein „Akt der Mildtätigkeit“ und als „allgemeine Sorge um die Gefangenen“ angesehen. Diese Sicht könnte später eventuell angepasst worden sein (vgl. Geschichte der Bärinnen in 2,23-24).

Warum gab es keine weitere Feindseligkeit? Gemäß Vers 23 fanden die Überfälle entweder als Reaktion auf Elisas gute Tat oder aus Respekt vor den Kräften, die er entfaltete, ein Ende: Wie sollte Israel zu besiegen sein, wenn ein solcher Prophet an seiner Seite stand?

Schlussfolgerung

1. Der Prophet ist hier an der internationalen Politik beteiligt; er bemüht sich darum, einerseits eine nackte Aggression der Aramäer zu vereiteln, und andererseits, Gewalt seitens der Israeliten zu verhindern. Welche Rolle spielt Gottes Volk?

2. Denen, die vielleicht eifrig bestrebt sind, ihren Feind zu vernichten, hält der Erzähler eine Reaktion von Gastfreundschaft und Güte statt Gewalt entgegen. Diese Textstelle zeigt eine Perspektive, die von den strengen Anforderungen der Ideologie des „Heiligen Krieges“ abweicht (1. Könige, 20,31-42).

3. Derselbe Prophet, den sie gefangen nehmen sollten, sagt ihnen, dass sie in die falsche Richtung unterwegs sind. Als er anbietet, sie zu dem Mann zu führen, den sie fangen wollen, folgen sie ihm blindlings. Vielleicht gab es für das große einfallende Heer keine erniedrigerende Erfahrung, als gespeist und dann weggeschickt zu werden.

4. Staatsmacht, ob totalitär oder demokratisch, ist nichts, wenn man sie mit den Rossen und Streitwagen des Herrn vergleicht, die durch das Wort von Gottes wahrem Sprecher aktiv werden. Die glaubende Gemeinschaft verkündet: „Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!“.

Bibelstudie von Gervasis Karumathy