Ein ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden

Entgegengenommen, gebilligt und zu Studienzwecken, Reflexion, Zusammenarbeit und gemeinsamem Handeln weiter empfohlen vom Zentralausschuss des Ökumenischen Rats der Kirchen, Februar 2011, Genf, Schweiz.

Richte unsere Schritte auf den Weg des Friedens (Lukas 1,79)

Download als pdf (230 KB)

Präambel: Dieser Text ist ein gemeinsamer christlicher Aufruf, der in erster Linie an die weltweite christliche Gemeinschaft gerichtet ist. Inspiriert durch das Beispiel Jesu von Nazareth lädt dieser Aufruf Christen und Christinnen ein, den Weg des gerechten Friedens mitzugehen. Im Bewusstsein, dass die Verheißung des Friedens ein Grundanliegen aller Religionen ist, wendet er sich an alle, die Frieden nach ihren eigenen religiösen Traditionen und Verpflichtungen suchen. Der Aufruf wird vom Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen entgegengenommen und zu Studium, Reflexion,Zusammenarbeit und gemeinsamem Handeln weiter empfohlen. Er ist in Antwort auf eine Empfehlung der Vollversammlung in Porto Alegre, Brasilien, (2006) entstanden und baut auf Erkenntnissen auf, die im Laufe der Ökumenischen „Dekade zur Überwindung von Gewalt: Kirchen für Frieden und Versöhnung“ (2001-2010) gewonnen wurden.

Gerechter Friede steht für einen fundamentalen Wandel in der ethischen Praxis. Er setzt andere Bewertungsgrundlagen und Handlungskriterien voraus. Dieser Aufruf zeigt  den Wandel an  und weist auf einige der Auswirkungen für Leben und Zeugnis der Kirchen hin. Ein Begleitdokument mit dem Titel „Just Peace Companion“ (Begleiter auf dem Weg zu einem gerechten Frieden) enthält weiterführende theologische und ethische Überlegungen, macht Vorschläge für die weitere Vertiefung des Themas und stellt Beispiele guter Praxis vor. Es steht zu hoffen, dass diese Materialien zusammen mit den Verpflichtungen aus der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation, die im Mai 2011 in Kingston unter dem Thema „Ehre sei Gott und Frieden auf Erden“ stattfinden wird, der kommenden Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (2013) helfen werden, einen neuen ökumenischen Konsens im Blick auf Gerechtigkeit und Frieden zu erreichen.

1.    Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Kann es Gerechtigkeit ohne Frieden geben? Kann es Frieden ohne Gerechtigkeit geben? Allzu oft verfolgen wir Gerechtigkeit auf Kosten des Friedens und Frieden auf Kosten von Gerechtigkeit. Frieden getrennt von Gerechtigkeit wahrzunehmen, heißt, die Hoffnung zu kompromittieren, dass „Gerechtigkeit und Frieden sich küssen [werden]“ (Ps. 85,10).  Wenn Frieden und Gerechtigkeit fehlen oder wenn sie in Gegensatz  zueinander gebracht werden, müssen wir unsere Handlungsweisen ändern. Wir wollen uns daher aufmachen und uns gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.

2.    Lasst die Völker sprechen: Es gibt viele Geschichten zu erzählen - Geschichten, die von Gewalt, Verletzung der Menschenwürde und Zerstörung der Schöpfung durchdrungen sind. Wenn jedes Ohr die Schreie hören würde, gäbe es keinen wirklich stillen Platz. Viele Menschen leiden noch unter den Auswirkungen von Kriegen; ethnische und religiöse Feindseligkeiten, Rassismus und kastenbasierte Diskriminierung haben die Fassade der Nationen beschädigt und hinterlassen hässliche Narben. Hunderttausende sind gestorben, vertrieben, heimatlos, Flüchtlinge in ihrem eigenen Land. Frauen und Kinder tragen oft die Hauptlast der Konflikte: viele Frauen erleiden häusliche Gewalt, werden missbraucht, sind Opfer von Menschenhandel oder werden getötet; Kinder werden von ihren Eltern getrennt, werden Waisen, als Soldaten rekrutiert, misshandelt. In vielen Ländern sind Zivilisten der Gewalt durch Besetzung, paramilitärische Gruppen, Guerillas, verbrecherische Kartelle oder Regierungstruppen ausgesetzt. Bürger vieler Nationen leiden unter Regierungen, die von nationaler Sicherheit oder bewaffneter Macht besessen sind und doch Jahr für Jahr darin versagen, wirkliche Sicherheit zu schaffen. Tausende von Kindern sterben jeden Tag aufgrund von Mangelernährung, während die Machthabenden weiterhin wirtschaftliche und politische Entscheidungen treffen, die nur einigen wenigen Nutzen bringen.

3.    Lasst die Bibel sprechen: Die Bibel macht Gerechtigkeit zur untrennbaren Gefährtin des Friedens (Jes 32,17; Jak 3,18). Beide weisen auf gerechte und nachhaltige Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft, auf die Lebendigkeit unserer Beziehung zur Erde, das “Wohlbefinden” der Erde und die Bewahrung der Schöpfung hin. Friede ist Gottes Geschenk an eine gebrochene, aber geliebte Welt, heute wie zu Lebzeiten Jesu Christi: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch! Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt“ (Joh 14,27). In Leben und Lehre Jesu Christi, in seinem Tod und seiner Auferstehung erkennen wir, dass Friede sowohl Verheißung als auch Gegenwart ist – eine Hoffnung für die Zukunft und ein Geschenk hier und jetzt.

4.   Jesus lehrte uns, unsere Feinde zu lieben, für unsere Verfolger zu beten und keine tödlichen Waffen zu benutzen. Der Friede, den er uns bringt, kommt im Geist der Seligpreisungen zum Ausdruck (Mt 5,3-11). Obwohl Jesus verfolgt wird, bleibt er standhaft in seiner aktiven Gewaltlosigkeit, sogar bis in den Tod. Sein Leben für die Gerechtigkeit endet am Kreuz, einem Werkzeug der Folter und Hinrichtung. Mit Jesu Auferstehung bekräftigt Gott, dass eine solch unerschütterliche Liebe, ein solcher Gehorsam und ein solches Vertrauen zum Leben führen. Das gilt auch für uns.

5.    Wo immer Vergebung, Achtung der Menschenwürde, Großzügigkeit und Fürsorge für die Schwachen im gemeinsamen Leben der Menschheit herrschen, bekommen wir eine – wenn auch flüchtige - Vorahnung vom Geschenk des Friedens. Daraus folgt, dass Friede verloren geht, wenn Ungerechtigkeit, Armut und Krankheit – ebenso wie bewaffnete Konflikte, Gewalt und Krieg – den Menschen an Leib und Seele, der Gesellschaft und der Erde Wunden zufügen.

6.    Jedoch, manche Texte in der Bibel bringen Gewalt in Verbindung mit dem Willen Gottes. Aufgrund dieser Texte haben Teile unserer christlichen Familie den Einsatz von Gewalt durch sich selbst und andere legitimiert und tun das auch weiterhin. Wir können solche Texte nicht mehr lesen, ohne die Aufmerksamkeit auf das Versagen der Menschen zu lenken, den göttlichen Ruf zum Frieden ernst zu nehmen. Heute müssen wir Texte hinterfragen, die von Gewalt, Hass und Vorurteilen sprechen oder den Zorn Gottes auf andere Völker lenken, damit er sie vernichte. Wir müssen es zulassen, dass diese Texte uns lehren zu erkennen, wann unsere Ziele, Pläne, Animositäten, Leidenschaften und Gewohnheiten - wie bei den Menschen in der Bibel - unsere eigenen Wünsche und nicht den Willen Gottes widerspiegeln.

7.    Lasst die Kirche sprechen: Als der Leib Christi ist die Kirche dazu berufen, ein Ort des Friedenstiftens        zu sein. Auf vielfältige Weise, vor allem in der Feier der Eucharistie, veranschaulichen unsere liturgischen Traditionen, dass wir durch den Frieden Gottes berufen sind, miteinander und mit der Welt in Frieden zu leben. Doch nicht selten scheitern Kirchen daran, diese Berufung tatsächlich zu leben. Die Uneinigkeit unter Christen,    die die Glaubwürdigkeit der Kirchen in ihrer Friedensarbeit in vielerlei Hinsicht untergräbt, lädt uns unaufhörlich zur Umkehr unserer Herzen und Sinne ein. Nur wenn Glaubensgemeinschaften in Gottes Frieden verankert sind, können sie „Versöhnung und Frieden in Gerechtigkeit in unsere Häuser, Kirchen und Gesellschaften tragen wie auch in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen auf Weltebene“ (Vollversammlung von Harare, 1998).  Die Kirche, die den Frieden lebt, den sie verkündet, ist das, was Jesus eine Stadt auf dem Berge nannte,     die alle sehen können (Mt 5,14).  Die Gläubigen, die den ihnen von Gott in Christus anvertrauten Dienst der Versöhnung ausüben, weisen über die Kirchen hinaus auf das hin, was Gott in der Welt vollbringt (2. Kor 5,18).

DER WEG DES GERECHTEN FRIEDENS

8.   Es gibt viele Möglichkeiten, auf Gewalt zu reagieren, viele Möglichkeiten, Frieden zu leben. Als Mitglieder der Gemeinschaft, die Christus als Verkörperung des Friedens verkündet, folgen wir dem Aufruf, die göttliche Gabe des Friedens in gegenwärtige Kontexte von Gewalt und Konflikt hinein zu bringen. So begeben wir uns auf den Weg des gerechten Friedens; er fordert von uns die Bemühung, das Ziel zu erreichen, wie die Bereitschaft, auf dem Weg zu bleiben. Wir laden Menschen aller Weltanschauungen und religiösen Traditionen ein, sich auf das Ziel einzulassen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Gerechter Friede verlangt von uns allen, dass wir ihn mit unserem Leben bezeugen. Um Frieden zu schaffen, müssen wir persönliche, strukturelle und Mediengewalt verhindern und abschaffen, einschließlich der Gewalt gegen Menschen aufgrund von Rasse, Kaste, Geschlecht, sexueller Orientierung, Kultur oder Religion. Wir müssen denjenigen, die  uns voraus gegangen sind, Rechenschaft ablegen und in einer Weise leben, die die Weisheit unserer Vorfahren und das Zeugnis der Heiligen in Christus ehrt. Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber denjenigen, die die Zukunft sind: unseren Kindern, „den Menschen von morgen“. Unsere Kinder verdienen es, eine gerechtere und friedlichere Welt zu erben. 

9.   Gewaltloser Widerstand steht im Mittelpunkt des Weges zum gerechten Frieden. Gut organisierter und friedlicher Widerstand ist aktiv, hartnäckig und wirksam - ob angesichts von staatlichem Missbrauch und Unterdrückung oder von Geschäftspraktiken, die schutzlose Gemeinschaften und die Schöpfung ausbeuten. In der Erkenntnis, dass die Stärke der Mächtigen vom Gehorsam und der Fügsamkeit der Bürger, der Soldaten und zunehmend auch der Verbraucher abhängt, können gewaltfreie Strategien auch Aktionen des zivilen Ungehorsams und Widerstands einbeziehen.

10.   Auf dem Weg des gerechten Friedens wird die Begründung von bewaffneten Konflikten und Kriegen zunehmend unglaubwürdig und inakzeptabel. Jahrzehntelang haben die Kirchen mit ihrer Uneinigkeit in dieser Frage gekämpft; aber der Weg des gerechten Frieden zwingt uns jetzt, darüber hinaus zu gehen. Lediglich Krieg zu verurteilen, reicht jedoch nicht aus; wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zwischen den Völkern und Nationen zu fördern. Der Weg des gerechten Friedens unterscheidet sich grundlegend vom Konzept des "gerechten Krieges" und umfasst  viel mehr als  den Schutz von Menschen vor ungerechtem Einsatz von Gewalt; außer Waffen zum Schweigen zu bringen, schließt er soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und Sicherheit für alle Menschen ein.

11.   Im Bewusstsein der Grenzen von Sprache und Verstehen schlagen wir vor, gerechten Frieden als einen kollektiven und dynamischen, doch zugleich fest verankerten Prozess zu verstehen, der darauf ausgerichtet ist, dass Menschen frei von Angst und Not leben können, dass sie Feindschaft, Diskriminierung und Unterdrückung überwinden und die Voraussetzungen schaffen können für gerechte Beziehungen, die den Erfahrungen der am stärksten Gefährdeten Vorrang einräumen und die Integrität der Schöpfung achten.

AUF DEM WEG LEBEN

12.    Gerechter Friede ist ein Weg, der ausgerichtet ist auf Gottes Heilsplan für die Menschheit und die ganze Schöpfung, im Vertrauen darauf, dass Gott „unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet“ (Lk 1,79).

13.    Der Weg ist schwierig. Wir erkennen, dass wir uns auf unserem Weg der Wahrheit stellen müssen. Wir werden uns bewusst, wie oft wir uns täuschen und Mitschuld an der Gewalt tragen. Wir lernen es, nicht länger nach Rechtfertigungen zu suchen für das, was wir getan haben, und üben uns in der Praxis der Gerechtigkeit. Das bedeutet, dass wir unser Fehlverhalten zugeben, Vergebung schenken und empfangen und lernen, uns miteinander zu versöhnen.

14.    Die Sünde der Gewalt und des Krieges spaltet Gemeinschaften zutiefst. Alle, die ihre Gegner abgestempelt und dämonisiert haben, benötigen langfristige Unterstützung und Begleitung, um ihre Einstellungen zu überwinden und geheilt zu werden. Feinde zu versöhnen und zerbrochene Beziehungen wiederherzustellen, ist sowohl ein langwieriger Prozess wie auch ein notwendiges Ziel. In einem Prozess der Versöhnung gibt es keine Machthaber und Machtlosen mehr, keine Vorgesetzten und Untergebenen, keine Mächtigen und Erniedrigten. Beide, Opfer und Täter, werden verwandelt.

15.   Friedensabkommen sind oft zerbrechlich, vorläufig und unzureichend. Orte, an denen Friede verkündet wird, können noch immer von Hass erfüllt sein. Kriegsschäden und Auswirkungen von Gewalt zu beheben, kann länger dauern als der Konflikt, der sie verursacht hat. Aber jedes Anzeichen von Frieden auf dem Weg – auch wenn es unvollkommen ist - enthält in sich eine Verheißung, dass Größeres kommen wird.

16.   Wir gehen den Weg gemeinsam.  Die Kirche, die in der Frage des Friedens uneins ist, und von Konflikten zerrissene Kirchen haben als Friedenszeugen oder Friedensstifter wenig Glaubwürdigkeit. Die Fähigkeit der Kirchen, für den Frieden zu arbeiten und ihn zu bezeugen, hängt davon ab, ob sie ein gemeinsames Ziel im Dienst des Friedens finden, trotz der Unterschiede, die zwischen ihnen in ihrer ethnischen und nationalen Identität und sogar in Lehre und Kirchenordnung bestehen.

17.   Wir sind auf dem Weg als eine Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Ethik und Praxis des Friedens, die Vergebung und Feindesliebe, aktive Gewaltlosigkeit und Achtung für andere, Sanftmut und Barmherzigkeit einschließt. Wir bemühen uns, unser Leben in Solidarität mit anderen zu leben und für das Gemeinwohl einzutreten. Wir suchen Frieden im Gebet und bitten Gott, dass er uns Erkenntnis und die Früchte des Geistes auf unserem Weg schenken möge.

18.   In  Gemeinschaften der Liebe und des Glaubens, die gemeinsam auf dem Weg sind, gibt es viele Hände, die Müden zu entlasten. Eine(r) legt vielleicht Zeugnis von der Hoffnung angesichts von Verzweiflung ab, ein(e) ander(e)r wendet sich in großherziger Liebe den Bedürftigen zu. Menschen, die viel Leid erlebt haben, finden den Mut, trotz Unglück und Verlust weiterzuleben. Die Kraft des Evangeliums ermöglicht es ihnen, die unvorstellbaren Lasten der persönlichen und kollektiven Sünde, der Wut, der Bitterkeit und des Hasses, die das Erbe von Gewalt und Krieg sind, hinter sich zu lassen. Vergebung löscht die Vergangenheit nicht aus, aber wenn wir zurückblicken, können wir sehen, dass Erinnerungen geheilt, Lasten abgelegt und Traumata in der Gemeinschaft mit anderen und mit  Gott aufgelöst wurden. Wir können unseren Weg fortsetzen.

19.   Der Weg ist einladend. Durch den Einsatz für die Aufgabe hören allmählich immer mehr Menschen den Ruf, Friedensstifter zu werden. Sie kommen aus weiten Kreisen in der Kirche, aus anderen Glaubensgemeinschaften und aus der Gesellschaft insgesamt. Sie arbeiten daran, Spaltungen aufgrund von Rasse und Religion, Nation und Klasse zu überwinden; sie lernen, auf Seiten der Verarmten zu stehen oder den schwierigen Dienst der Versöhnung aufzunehmen. Viele entdecken, dass Frieden nicht ohne die Fürsorge für die Schöpfung und die Wertschätzung von Gottes wunderbarem Werk bewahrt werden kann.

20.   Indem wir den Weg gemeinsam mit unseren Nächsten gehen, lernen wir, uns nicht mehr auf die Verteidigung unserer Interessen zu konzentrieren, sondern zu einem Leben zu finden, das von Großzügigkeit und  Offenheit geprägt ist. Wir werden sicherer auf unserem Weg als Friedensstifter. Wir lernen Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen kennen. Wir gewinnen an Stärke, wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten, unsere gegenseitige Verwundbarkeit anerkennen und unser gemeinsames Menschsein bekräftigen. Der andere ist nicht mehr ein Fremder oder ein Gegner, sondern ein Mitmensch, der mit uns auf dem Weg ist.

MARKIERUNGEN  AUF DEM WEG DES GERECHTEN FRIEDENS

21.   Gerechter Friede und Konflikttransformation. Konflikttransformation ist ein wesentlicher Bestandteil des Friedensschaffens. Der Transformationsprozess beginnt damit, Gewalt zu demaskieren und verdeckte Konflikte offen zu legen, um  deren Auswirkungen für die Opfer und die Gemeinschaften sichtbar zu machen. Konflikttransformation hat das Ziel, die Gegner dazu herauszufordern, ihre widerstreitenden Interessen auf das Gemeinwohl hin auszurichten. Unter Umständen muss sie einen künstlichen Frieden stören, strukturelle Gewalt bloßlegen oder nach Wegen suchen, wie Beziehungen ohne Aufrechnung wiederhergestellt werden können. Es gehört zur Berufung der Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Opfer von Gewalt zu begleiten und für sie einzutreten. Das schließt auch ein, zivilgesellschaftliche Mechanismen zur Bewältigung von Konflikten zu stärken und Behörden sowie andere Täter zur Rechenschaft zu ziehen – selbst Täter aus kirchlichen Gemeinschaften. Den grundlegenden Rahmen für all diese Bemühungen bildet die „Herrschaft des Rechts“.

22.   Gerechter Friede und die Anwendung von Waffengewalt. Es wird jedoch Zeiten geben, in denen unser Engagement für den gerechten Frieden auf die Probe gestellt wird, denn wir streben nach Frieden inmitten von Gewalt und angesichts der Drohung von gewaltsamen Konflikten. Es gibt Extremsituationen, in denen der rechtmäßige Einsatz von Waffengewalt als letzter Ausweg und kleineres Übel notwendig werden kann, um gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen, die unmittelbaren tödlichen Gefahren ausgesetzt sind. Doch selbst dann sehen wir den Einsatz von Waffengewalt in Konfliktsituationen sowohl als Zeichen schwerwiegenden Versagens wie auch als zusätzliches Hindernis auf dem Weg zu einem gerechten Frieden an.

23.   Während wir die völkerrechtlich begründete Autorität der Vereinten Nationen anerkennen, auf Gefährdungen des Weltfriedens im Geist und nach dem Wortlaut der Charta der Vereinten Nationen zu reagieren, einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt innerhalb der Grenzen des Völkerrechts, fühlen wir uns als Christen und Christinnen verpflichtet, darüber hinaus zu gehen – und jede theologische oder andere Rechtfertigung des Einsatzes militärischer Gewalt in Frage zu stellen und die Berufung auf das Konzept eines “gerechten Krieges“ und dessen übliche Anwendung als obsolet zu erachten.

24.   Wir sind uns des moralischen Dilemmas bewusst, das diesen Aussagen innewohnt. Das Dilemma lässt sich teilweise lösen, unter der Voraussetzung, dass die Kriterien, die in der Tradition des gerechten Krieges entwickelt worden sind, weiterhin als Rahmen für eine Ethik des rechtmäßigen Einsatzes von Gewalt dienen können. Diese Ethik würde es z.B. erlauben, sich ernsthaft einzulassen auf das Konzept des „just policing“, auf die Entstehung einer neuen völkerrechtlichen Norm zur „Schutzpflicht“ und die vertrauensvolle Anwendung der in der UN-Charta verankerten friedensstiftenden Mechanismen. Kriegsdienstverweigerung, also die Weigerung, Militärdienst zu leisten, sollte als Menschenrecht anerkannt werden. Vieles andere, was im Widerspruch zum Frieden und zur internationalen Rechtsordnung steht, muss kategorisch und endgültig abgelehnt werden, beginnend mit dem Besitz oder dem Einsatz jeglicher Massenvernichtungswaffen. Unser gemeinsames Leben drängt zur Konvergenz von Denken, Handeln und Recht auf das Ziel, Frieden zu stiften und aufzubauen. Als Christen und Christinnen verpflichten wir uns daher zu einem umgewandelten ethischen Diskurs, der die Gemeinschaft in der Praxis gewaltloser Konflikttransformation anleitet und die Voraussetzungen schafft für Fortschritte auf dem Weg zum Frieden.

25.   Gerechter Friede und Menschenwürde. Die Bibel lehrt uns, dass die Menschen als Ebenbild Gottes geschaffen und mit Würde und Rechten ausgestattet sind. Die Anerkennung dieser Würde und dieser Rechte ist von zentraler Bedeutung für unser Verständnis des gerechten Friedens. Wir bekräftigen, dass die universellen Menschenrechte ein unverzichtbares internationales Rechtsinstrument für den Schutz der Menschenwürde sind. Deshalb machen wir die Staaten verantwortlich für die Gewährleistung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen und politischen sowie der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte. Allerdings beobachten wir, dass der Missbrauch von Menschenrechten in Krieg und Frieden in vielen Gesellschaften allgegenwärtig ist  und dass diejenigen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, straffrei ausgehen. Weltweit gibt es den Aufruf, für die Menschenrechte und gegen Straffreiheit einzutreten. Als Antwort darauf müssen wir uns im Geist der Freundschaft und Zusammenarbeit allen Partnern in der Zivilgesellschaft, darunter auch Menschen anderer Religionen, zuwenden, die die Menschenrechte zu verteidigen und die Rechtstaatlichkeit zu stärken suchen.

26.   Gerechter Friede und Bewahrung der Schöpfung.  Gott machte alle Dinge gut und vertraute der Menschheit die Verantwortung an, für die Bewahrung der Schöpfung Sorge zu tragen (1. Mose 2,4-9). Die Ausbeutung der Natur und der Missbrauch der endlichen Ressourcen offenbaren ein Muster von Gewalt, das oft einigen Menschen Vorteile auf Kosten der großen Mehrheit bringt. Wir wissen, dass die ganze Schöpfung seufzt und sich sehnt, befreit zu werden, nicht zuletzt von dem missbräuchlichen Handeln der Menschen (Röm 8,22). Als gläubige Menschen bekennen wir unsere Mitschuld an dem Schaden, den wir der Schöpfung und allen Lebewesen durch unser Tun und unser Unterlassen zugefügt haben. Die Vision vom gerechten Frieden reicht über die Wiederherstellung gerechter Beziehungen in der Gemeinschaft hinaus; sie verpflichtet die Menschen auch, sich um die Erde als unser Zuhause zu kümmern.  Wir müssen auf Gottes Verheißung vertrauen und danach streben, dass alle Menschen angemessen und gerecht an den Ressourcen der Erde teilhaben können.

27.   Aufbau von Kulturen des Friedens. Wir haben uns verpflichtet, Kulturen des Friedens in Zusammenarbeit mit Menschen anderer religiöser Traditionen, Überzeugungen und Weltanschauungen aufzubauen. In diesem Sinne versuchen wir, dem Gebot des Evangeliums zu folgen, unsere Nächsten zu lieben, Gewalt abzulehnen und nach Gerechtigkeit für Arme, Entrechtete und Unterdrückte zu streben (Mt 5,1-12; Lk 4,18). Die kollektive Bemühung stützt sich auf die Gaben von Männern und Frauen, Jung und Alt, Führungskräften und Arbeitnehmern/innen. Wir bestätigen und würdigen die Gaben von Frauen beim Aufbau des Friedens. Wir erkennen die besondere Rolle religiöser Führungspersönlichkeiten, ihren Einfluss in der Gesellschaft, die potenziell befreiende Macht religiöser Weisheit und Einsicht für die Förderung von Frieden und Menschenwürde an. Gleichzeitig beklagen wir Situationen, in denen religiöse Führungskräfte ihre Macht für eigennützige Zwecke missbrauchen oder in denen kulturelle und religiöse Verhaltensmuster zu Gewalt und Unterdrückung beitragen. Wir sind besonders besorgt über aggressive Rhetorik und Lehre, die unter dem Deckmantel der Religion verbreitet und durch die Macht der Medien verstärkt werden. Während wir in tiefer Demut anerkennen, dass es in Vergangenheit und Gegenwart eine christliche Mitschuld an der Entstehung von Vorurteilen und anderen, Hass schürenden Haltungen gegeben hat, verpflichten wir uns, Gemeinschaften der Versöhnung, Annahme und Liebe aufzubauen.

28.   Friedenserziehung. Eine von der Vision des Friedens inspirierte Erziehung ist mehr als nur Unterricht in den Strategien der Friedensarbeit. Es ist eine zutiefst spirituelle Charakterbildung, die Familie, Kirche und Gesellschaft einbezieht. Friedenserziehung zielt darauf, den Geist des Friedens zu wecken und zu nähren, die Achtung der Menschenrechte zu verinnerlichen, Alternativen zur Gewalt zu entwickeln und anzunehmen. Friedenserziehung fördert aktive Gewaltlosigkeit, der eine unvergleichliche Macht zur Veränderung innewohnt und die in verschiedenen Traditionen und Kulturen praktiziert und geschätzt wird. Charakter- und Gewissensbildung rüstet Menschen aus, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen.

GEMEINSAM DEN GERECHTEN FRIEDEN SUCHEN

29.   Die christliche Pilgerreise hin zum Frieden bietet viele Möglichkeiten, sichtbare und lebensfähige Gemeinschaften für den Frieden aufzubauen. Eine Kirche, die für den Frieden betet, der Gemeinschaft dient, Geld ethisch verantwortungsvoll einsetzt, die Umwelt bewahrt und gute Beziehungen mit anderen pflegt, kann zu einem Werkzeug des Friedens werden. Wenn Kirchen außerdem gemeinsam für den Frieden arbeiten, kann ihr Zeugnis glaubwürdiger werden (Joh 17,21).

Für Frieden in der Gemeinschaft – damit alle frei von Angst leben können (Micha 4,4)

„Es ist dir gesagt, … was der Herr von dir fordert, nämlich Recht zu üben und Güte zu lieben“ „Du sollst … deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ „ Bittet für die, die euch verfolgen.“ (Micha 6,8 [Zürcher Bibel]; Lk 10,27; Mt 5,44)

30.   Globale Herausforderungen. Allzu viele Gemeinschaften sind gespalten nach Klasse, Rasse, Hautfarbe und Kaste, Religion und Geschlecht. Familien und Schulen werden von Gewalt und Missbrauch heimgesucht. Frauen und Kinder werden physisch, psychisch und durch kulturelle Praktiken vergewaltigt. Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie Selbstmord sind weit verbreitete Formen der Selbstzerstörung. Arbeitsstätten und Gotteshäuser sind von Konflikten innerhalb der Gemeinschaft gezeichnet. Vorurteile und Rassismus sprechen Menschen ihre Würde ab. Arbeitnehmer/innen werden ausgebeutet, Industriebetriebe verschmutzen die Umwelt. Medizinische Versorgung ist für viele unerreichbar und nur für wenige erschwinglich. Die Kluft zwischen Reich und Arm nimmt ständig zu. Traditionen, die Gemeinschaften zusammenhalten, werden durch kommerzielle Einflüsse und importierte Lebensstile geschwächt. Medien, Spiele und Unterhaltungsindustrie, die Gewalt, Krieg und Pornographie fördern, untergraben die Werte der Gemeinschaft und fordern destruktive Verhaltensweisen heraus. Wenn Gewalt angewendet wird, sind junge Männer in der Regel Täter wie auch Opfer und Frauen und Kinder sind am stärksten gefährdet.

31.   Hauptleitlinien. Kirchen können eine Kultur des Friedens aufbauen, indem sie sich engagieren, zusammenarbeiten und voneinander lernen. Mitglieder, Familien, Gemeinden und Gemeinschaften werden in dieses Engagement einbezogen. Zu den Aufgaben gehören: Konfliktvermeidung und – transformation zu lernen; ausgegrenzte Menschen zu schützen und zu stärken; die Rolle von Frauen bei der Bewältigung von Konflikten und beim Friedensaufbau zu bekräftigen und sie in all diese Initiativen einzubeziehen; gewaltfreie Bewegungen für Gerechtigkeit und Menschenrechte zu unterstützen und daran teilzunehmen; und der Friedenserziehung in Kirchen und Schulen den ihr zustehenden Platz einzuräumen. Eine Kultur des Friedens setzt voraus, dass Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften und Gruppen Gewalt hinterfragen, wo immer sie geschieht; dies bestrifft strukturelle und gewohnheitsmäßige Gewalt sowie Gewalt die Medienunterhaltung, Spiele und Musik durchdringt.  Kulturen des Friedens entstehen, wenn alle, besonders Frauen und Kinder, vor sexueller Gewalt sicher und vor bewaffneten Konflikten geschützt sind, wenn tödliche Waffen verboten und aus den Gemeinschaften entfernt werden und wenn häusliche Gewalt bekämpft und beendet wird.

32.        Wenn Kirchen Friedenstifter sein sollen, müssen Christen und Christinnen zunächst Einigkeit im Engagement für den Frieden anstreben. Gemeinden müssen sich zusammenschließen, um die Kultur des Schweigens über die Gewalt im kirchlichen Leben zu brechen; sie müssen sich zusammen tun, um die gewohnte Uneinigkeit angesichts von Gewalt in unseren Gemeinschaften zu überwinden.

Für Frieden mit der Erde – damit das Leben erhalten wird

Gott schuf die Welt und machte sie vollkommen. Er schenkte der Menschheit Leben in seiner ganzen Fülle. Doch die Sünde stört die Beziehung zwischen Menschen und der geschaffenen Ordnung. Die Schöpfung sehnt sich danach, dass die Kinder Gottes Haushalter des Lebens, der Gerechtigkeit und der Liebe werden. (1. Mose 2,1-3; Joh 10,10; Röm 8,20-22)

33.   Globale Herausforderungen. Menschen müssen die Schöpfung achten und schützen. Aber Habgier auf vielen Ebenen, Ichbezogenheit und der Glaube an ein grenzenloses Wachstum haben der Erde und ihren Geschöpfen Ausbeutung und Zerstörung gebracht. Die Schreie der Armen und Schwachen hallen im Seufzen der Erde wider. Übermäßiger Konsum an fossilen Brennstoffen und anderen begrenzt verfügbaren Ressourcen tun den Menschen und dem Planeten Gewalt an. Der Klimawandel als Folge menschlicher Lebensstile stellt eine weltweite Gefährdung für den gerechten Frieden dar. Globale Erwärmung, der Anstieg des Meeresspiegels und die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Dürren und Überschwemmungen betreffen vor allem die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen der Welt. Indigene Völker sind Vorbilder für nachhaltiges Leben und gehören zusammen mit den Bewohnern der Korallenatolle und verarmten Küstengemeinschaften zu denjenigen, die am wenigsten zur globalen Erwärmung beitragen. Doch sind sie diejenigen, die am meisten darunter leiden werden.

34.   Hauptleitlinien. Für Gottes kostbares Geschenk der Schöpfung Sorge zu tragen und nach ökologischer Gerechtigkeit zu streben, sind zentrale Grundsätze des gerechten Friedens. Für Christen und Christinnen sind sie auch Ausdruck des Evangeliums, das uns aufruft, Buße zu tun angesichts des verschwenderischen Umgangs mit natürlichen Ressourcen, und jeden Tag von neuem umzukehren. Kirchen und ihre Mitglieder müssen behutsam mit den Ressourcen der Erde, vor allem mit Wasser, umgehen. Wir müssen die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Bevölkerungen schützen und mithelfen, ihre Rechte zu schützen.

35.   Kirchenmitglieder und Gemeinden auf der ganzen Welt müssen selbstkritisch überprüfen, wie stark sie die Umwelt belasten. Individuell und in Gemeinschaften müssen Christen und Christinnen lernen, auf eine Weise zu leben, die die ganze Erde gedeihen lässt. Viele weitere „Öko-Gemeinden“ und „grüne“ Kirchen sind auf lokaler Ebene notwendig. Für die Umsetzung internationaler Abkommen und Protokolle muss weltweit noch viel ökumenische Fürsprachearbeit bei Regierungen und Unternehmen geleistet werden, um eine bewohnbarere Erde nicht nur für uns, sondern für alle Lebewesen und künftige Generationen sicherzustellen.

Für Frieden in der Wirtschaft – damit alle in Würde leben können

Gott offenbart eine Vision des Lebens in Fülle und Würde für alle Menschen, unabhängig von Klasse, Geschlecht, Religion, Rasse und ethnischer Zugehörigkeit, indem er wundersam eine Welt mit mehr als genug natürlichen Reichtümern schafft, um viele Generationen von Menschen und anderen Lebewesen zu ernähren. (Ps 24,1; Ps 145,15; Jes 65,17-23)

36.   Globale Herausforderungen. Während eine verschwindend kleine „Weltelite“ unvorstellbaren Reichtum anhäuft, leben mehr als 1,4 Milliarden Menschen in extremer Armut. Etwas läuft grundlegend falsch, wenn das Vermögen der drei reichsten Menschen der Welt größer ist als das Bruttoinlandsprodukt der 48 ärmsten Länder der Welt. Unwirksame Regelungen, innovative aber ethisch unverantwortliche Finanzinstrumente, verzerrte Vergütungsstrukturen und andere systemische  Faktoren, die noch durch Habgier verschärft werden, lösen globale Finanzkrisen aus, die Millionen von Arbeitsplätzen vernichten und Millionen und Abermillionen von Menschen in die Armut treiben. Die Ausweitung der sozioökonomischen Kluft innerhalb und zwischen Nationen wirft schwerwiegende Fragen hinsichtlich der Wirksamkeit der marktorientierten, wirtschaftlichen Liberalisierungspolitik bei der Beseitigung von Armut auf und stellt das Streben nach Wachstum als vorrangigem Ziel jeder Gesellschaft in Frage. Übermäßiger Konsum und Entbehrung sind Formen der Gewalt. Weltweite Rüstungsausgaben – jetzt höher als zu Zeiten des Kalten Krieges – leisten wenig, um Frieden und Sicherheit in der Welt zu fördern, aber viel, um sie zu gefährden; Waffen bieten keine Lösung für die Hauptbedrohungen der Menschheit, verbrauchen aber enorme Ressourcen, die für diese Aufgabe umgewidmet werden könnten. Solche Ungleichgewichte stellen die globalisierte menschliche Gemeinschaft vor grundsätzliche Herausforderungen im Blick auf Gerechtigkeit, sozialen Zusammenhalt und Gemeinwohl.

37.   Hauptleitlinien. Friede in der Wirtschaft wird durch die Schaffung von „Wirtschaften im Dienst des Lebens“ gefördert. Deren wesentliche Grundlagen sind gerechte sozioökonomische Beziehungen, Achtung der Rechte von Arbeitnehmern/innen, gerechte Teilhabe und nachhaltige Nutzung der Ressourcen, gesunde und bezahlbare Lebensmittel für alle und eine breite Beteiligung an wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen.

38.   Kirchen und ihre Partner in der Gesellschaft müssen für die vollständige Umsetzung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte eintreten. Kirchen müssen sich für eine alternative Wirtschaftspolitik einsetzen, die Nachhaltigkeit in Produktion und Konsum, eine Umverteilung des Wachstums, gerechte Steuern, fairen Handel und die universale Bereitstellung von sauberem Wasser, sauberer Luft und anderen Gemeinschaftsgütern ermöglicht. Regulative Strukturen und Maßnahmen müssen dafür sorgen, dass der Finanzsektor nicht nur im Dienst der Wirtschaft, sondern auch menschlicher Bedürfnisse und ökologischer Nachhaltigkeit steht. Bei den Militärausgaben sind tiefe Einschnitte notwendig, um Programme zu finanzieren, die die Ziele der Versorgung aller Menschen mit ausreichend Nahrung, Unterkunft,  Bildung und medizinischer Betreuung vorantreiben und Abhilfemaßnahmen gegen den Klimawandel bereitstellen. Menschlicher und ökologischer Sicherheit muss größere wirtschaftliche Priorität eingeräumt werden als der nationalen Sicherheit.

Für Frieden zwischen des Völkern – damit Menschenleben geschützt werden

Wir sind als Ebenbild des Lebensspenders geschaffen; es ist uns verboten, Leben zu nehmen, und geboten, selbst unsere Feinde zu lieben. Der gerechte Gott urteilt in Gerechtigkeit über alle Völker und ruft sie auf, der Wahrheit im öffentlichen Raum gerecht zu werden, Waffen in landwirtschaftliche Geräte umzuschmieden und nicht mehr zu lernen,  Krieg zu führen. (2. Mose 20,17;      Jes 2,1-4; Mt 5,44)

39.   Globale Herausforderungen. In der Geschichte der Menschheit gibt es immer wieder Lichtblicke, wie das mutige Streben nach Frieden und Konflikttransformation, Fortschritte in der Rechtsstaatlichkeit, neue Normen und Verträge, die den Einsatz von Gewalt regeln, und heute sogar die Möglichkeit, gerichtlich gegen Machtmissbrauch vorzugehen, auch wenn er von Staatsoberhäuptern begangen wurde. Die Geschichte wird jedoch überschattet von den moralischen und politischen  Gegenpolen dieser Lichtblicke – wie Fremdenfeindlichkeit, Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, aus Hass verübte Verbrechen, Kriegsverbrechen, Sklaverei, Völkermord und vieles mehr. Obwohl Geist und Logik der Gewalt tief in der menschlichen Geschichte verwurzelt sind, haben die Folgen solcher Sünden in jüngerer Zeit exponentiell zugenommen, verstärkt durch den skrupellosen Einsatz von Wissenschaft, Technik und Kapital.

40.   Eine neue ökumenische Friedensagenda ist heute aufgrund der Art und des Umfangs dieser Gefahren dringlicher denn je. Wir sind Zeugen der ungeheuren Zunahme der menschlichen Fähigkeit, das Leben und seine Grundlagen zu zerstören. Das Ausmaß der Bedrohung, die kollektive Verantwortung der Menschen und die Notwendigkeit einer konzertierten Antwort auf globaler Ebene sind beispiellos. Zwei Gefahren dieser Größenordnung  -   nuklearer Holocaust und Klimawandel - könnten einen Großteil des Lebens und alle Aussichten auf einen gerechten Frieden zerstören. Beide sind Ausdruck eines gewaltsamen Missbrauchs der Energie, die die Schöpfung uns schenkt. Eine dieser Katastrophen rührt her von der Verbreitung von Waffen, vor allem Massenvernichtungswaffen; die andere Gefahr kann als Verbreitung von Lebensstilen verstanden werden, die zu Massensterben führen. Die internationale Gemeinschaft bemüht sich, beide Bedrohungen einzudämmen, aber mit wenig Erfolg.

41.   Hauptleitlinien. Um die Heiligkeit des Lebens zu respektieren und Frieden unter den Völkern aufzubauen, müssen die Kirchen sich für eine Stärkung der internationalen Menschenrechtsnormen sowie der Verträge und Instrumente gegenseitiger Rechenschaftspflicht und Konfliktlösung einsetzen. Zur Vermeidung tödlicher Konflikte und Massenmorde muss die Verbreitung von Kleinwaffen und Kriegswaffen verhindert und rückgängig gemacht werden. Kirchen müssen Vertrauen aufbauen und mit anderen Glaubensgemeinschaften und Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen zusammenarbeiten, um nationale Kapazitäten der Kriegführung zu reduzieren, Waffen, die die Menschheit und den Planeten in beispiellose Gefahr bringen, zu vernichten und grundsätzlich der Institution des Krieges die Legitimität zu entziehen. 

+++

42.   Ein Volk, dem die Sehnsucht in die Wiege gelegt ist. Unser Zuhause ist nicht das, was es sein könnte und sein wird. Während das Leben in Gottes Hand unzerstörbar ist, herrscht doch noch kein Friede. Die Fürstentümer und Gewalten sind zwar nicht souverän, feiern aber noch ihre Siege, und wir bleiben rastlos und zerrissen, bis Friede herrscht. Darum gehört es notgedrungen zu unserem Aufbau des Friedens, dass wir kritisieren, anprangern, für andere eintreten und Widerstand leisten, so wie wir auch verkündigen, ermächtigen, trösten, versöhnen und heilen. Friedenstifter werden ihre Stimme in Ablehnung und Unterstützung erheben, niederreißen  und aufbauen, klagen und feiern,  trauern und froh sein. Bis unsere Sehnsucht ihren Halt findet in der Vollendung aller Dinge in Gott, wird die Friedensarbeit weitergehen als ein Aufflackern der uns zugesagten Gnade.