24.05.11 11:00 Alter: 286 days

Wie sieht „Gottes Sicherheit“ aus?

 

Kjell Magne Bondevik, Christiane Agboton-Johnson, Archbishop Avak Asadourian

Am 6. August 1945 morgens um 8.15 Uhr sah die zehnjährige Setsuku Nakamura plötzlich einen hellen, bläulichen Lichtblitz durch das Fenster ihres Klassenzimmers. „Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, in der Luft zu schweben. Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, lag ich in völliger Dunkelheit und Stille mitten in den Trümmern meiner Schule.“

 

Dann hörte sie die schwachen Stimmen von Klassenkameraden und -kameradinnen: „Mama, hilf mir. Papa, hilf mir.“

 

Setsuku Thurlow (so ihr heutiger Name) ist eine „hibakusha“, eine Überlebende der Atombombe von Hiroshima, einer der zwei Atombomben, die von den Vereinigten Staaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs über Japan abgeworfen worden. Thurlow hat sich ihr ganzes Leben lang gegen Waffen und Aufrüstung engagiert.

 

Ihre lebendigen und schmerzlichen Erinnerungen hinterließen am Montag einen tiefen Eindruck bei den Teilnehmenden der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation (IöFK) in Kingston, Jamaika. An diesem Tag fand auf der IöFK eine Podiumsdiskussion zum Thema Friede zwischen den Völkern statt, die sich kritisch mit Friedensbedrohungen auf internationaler Ebene auseinandersetzte und die Frage untersuchte, wie wirkliche Sicherheit aussieht.

 

Thurlows Rede war eine Videoaufzeichnung, da sie nicht persönlich an der Konvokation teilnehmen konnte; dennoch machte sie den Teilnehmenden in sehr eindrucksvoller Weise klar, dass der Einsatz der Atombombe nicht etwa in ferner Vergangenheit, sondern erst vor einer Generation stattgefunden hat und dass die Großmächte seither Nukleararsenale entwickelt und weiterverbreitet haben, mit denen sie sich – bestenfalls - gegenseitig zerstören können.

 

Damals, im Jahr 1945, berichtete Thurlow, habe ein Fremder ihr geholfen. „Plötzlich spürte ich, wie jemand mich an der linken Schulter schüttelte und sagte ‚Beeil dich, du musst hier so schnell wie möglich raus’.

 

Überall um sie herum habe sie „Menschen gesehen, die bluteten, die gespenstisch aussahen, schwarz verbrannt waren, denen das Fleisch von den Knochen hing. Es herrschte eine tödliche Stille, die nur vom Stöhnen der Verletzten durchbrochen wurde“.

 

Die Berichte von Überlebenden wie Thurlow erinnern daran, wie ungerecht es war, dass 260 000 unschuldige Menschen nach 1945 an den Folgen der Verbrennungen und der Strahlung gestorben sind.

 

Regierungen versuchten häufig, groß angelegte militärische Aktionen – schlimmstenfalls nukleare Kriegsführung – im Namen der „Sicherheit“ zu rechtfertigen, bemerkte Dr. Lisa Schirch, Professorin für Friedensaufbau an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg (Virginia, USA), und hinterfragte kritisch, was Sicherheit für Christen und Christinnen eigentlich bedeute.

 

„Jesus verwendet das Wort ‚Sicherheit’ nicht. Die Kirche spricht mehr über Gerechtigkeit und Frieden als über Sicherheit“, erklärte sie.

„Sicherheit landet nicht in einem Helikopter“


Als Schirch 2005 den Irak besuchte, arbeitete sie mit Irakern zusammen, die Friedensaufbau auf Gemeinschaftsebene betrieben. „Sie sagten zu mir: Sicherheit landet nicht in einen Helikopter; sie wächst von unten herauf.“

 

Irak war nur ein Land unter vielen, an das die IöFK-Teilnehmenden dachten, als sie über das Thema Friede zwischen den Völkern diskutierten und ein breites Spektrum von Fragen - von nuklearer Abrüstung bis hin zur Beendigung aller Kriege – aufgriffen.

 

Der Diskussionsleiter, Pastor Kjell Magne Bondevik, der Präsident des Oslo Center for Peace and Human Rights ist und zweimal Ministerpräsident von Norwegen war, erklärte, er erinnere sich an jenen Tag im Jahr 2003, als der amerikanische Präsident George Bush bei ihm angerufen habe, um ihn um seine Unterstützung für die Invasion im Irak zu bitten.

 

„Ich habe Nein gesagt“, erinnerte Bondevik und die rund 1000 IöFK-Teilnehmenden klatschten laut Beifall. „Ich habe ihm gesagt: Ich kann nicht. Zunächst einmal haben Sie kein Mandat der UNO. Und aus meiner ethischen christlichen Überzeugung heraus muss der Einsatz militärischer Mittel die letzte, aber wirklich die allerletzte Lösung sein, nachdem alle friedlichen Mittel ausgeschöpft worden sind.“

 

Die Kirchen hätten sich in dieser Sache klar und entschlossen zu Wort gemeldet und seine Entscheidung mit beeinflusst. „Die Kirchen in Norwegen haben eine Kampagne gegen einen möglichen Krieg im Irak geführt.“

 

Erzbischof Dr. Avak Asadourian, der armenisch-orthodoxe Erzbischof von Badgad, sagte, er wünsche sich, Bondeviks Botschaft vom christlichen Frieden würde in der ganzen Welt Verbreitung finden. „Ich finde es schade, dass andere politisch Verantwortliche nicht zuhören“, sagte er. „In den letzten 32 Jahren hat der Irak drei Kriege und ein Embargo durchlebt. Ein Embargo ist per definitionem auch ein kriegerischer Akt. Die Menschen im Irak befinden sich in einer sehr schwierigen Situation.“

 

Asadourian kritisierte, dass Christen im Irak heute oft als Minderheitsgruppe bezeichnet würden. „Die Christen im Irak sind keine Minderheit. Sie sind ein wichtiger Teil der irakischen Gesellschaft. Wir tun alles, was wir können, für den Frieden. Mit Frieden meine ich in diesem Falle nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Mit Frieden meine ich Gleichberechtigung.“

 

Während der Sitzungen wurde Pausen eingelegt, in denen die IöFK-Teilnehmenden in Gruppen über den Gedanken eines christlichen Modells von Sicherheit nachdachten, in dem Kirchen sich an einer Art „Frühwarnsystem“ beteiligen könnten, durch das von der lokalen Ebene aus über potenzielle Konflikte informiert werden könnte, wie Regierungen es nicht tun.

 

„An dieser Stelle kommt Frauen eine sehr besondere Rolle zu“, betonte Dr. Patricia Lewis, Stellvertretende Direktorin und „scientist-in-residence“ am Monterey Institute in California (USA), die an der Podiumsdiskussion der IöFK teilnahm. „Wenn Sie nicht die Frauen fragen, dann wissen Sie nicht, was abläuft.“

 

Lewis gab ihrer tiefen Überzeugung Ausdruck, dass der Wandel kommen wird. „Militärs und politisch Verantwortliche werden verstehen, dass Atomwaffen überhaupt keinen militärischen Nutzen haben. Sie werden auch erkennen, dass man mit Atomwaffen nicht einmal kleine Fehler machen darf.“

 

Wenn die Kirchen einen konkreten Beitrag zur Beendigung des Krieges und der Weiterverbreitung von Atomwaffen leisten wollten, müssten sie über reine Erklärungen hinausgehen und praktische Maßnahmen ergreifen, erklärte Dr. Christiane Agboton-Johnson, stellvertretende Direktorin des Instituts der Vereinten Nationen für Abrüstungsforschung (UNIDIR) in Genf (Schweiz).

 

„Frauen leiden oft sehr stark in einem Konflikt, obwohl sie sich für dessen Beendigung einsetzen. Kann man davon ausgehen, dass ein Dokument oder eine Bestimmung ausreicht, um mit dieser Art von Problemen fertig zu werden? Davon bin ich nicht überzeugt. Ist die UNO bereit, von Worten zu Taten überzugehen? Sie würde gut daran tun, das, was auf dem Papier steht, tatsächlich umzusetzen.“

 

Bis es soweit ist, werden Thurlow und andere Überlebende der Atombombe die Menschheit weiter aufrufen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen: „Kein Mensch sollte jemals wieder die Erfahrung der Unmenschlichkeit, Illegalität, Unmoral und Grausamkeit nuklearer Kriegsführung machen müssen“, erklärte sie.

 

IöFK-Website
www.gewaltueberwinden.org

 

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