05.10.11 15:33 Alter: 152 days

Können Sie sich eine Welt ohne Atomwaffen vorstellen?

 

Abolition 2000, eine Koalition von rund 2000 Organisationen, die Atomwaffen abschaffen wollen, kam am 16. September 2011 in Genf zusammen.

 

von Jonathan Frerichs*

 

Fragen Sie irgendjemand, ob sie sich eine Welt ohne Atomwaffen vorstellen können, und wie Umfragen zeigen die meisten werden dies bejahen. Und das selbst in Ländern, die Atomwaffen besitzen, gemäß der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), einer neuen zivilgesellschaftlichen Initiative, die sich der Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt verschrieben hat.

 

Regierungen, die Atomwaffen besitzen, senden hingegen ein anderes Signal. Ihre Politik und ihre Ausgaben sagen: „Nun … vielleicht eines Tages … aber sicher nicht zu unseren Lebzeiten“.

 

Dennoch kam eine Koalition von rund 2000 Organisationen, die Atomwaffen abschaffen wollen, am 16. September 2011 in Genf zusammen. Zum Programm gehörte auch ein vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) veranstaltetes Podiumsgespräch mit Vertretern der Zivilgesellschaft, die die Aussichten auf eine nukleare Abrüstung erörterten.

 

Es steht fest, dass nach Jahren mit nur geringen Fortschritten die Unterstützung für die Abschaffung der Atomwaffen wächst. Bei den Vereinten Nationen sind laut Alyn Ware, einem Neuseeländer, der Parlamentarier in verschiedenen Ländern mobilisiert, inzwischen 133 Länder für eine Atomwaffenkonvention.

 

„Der Erfolg mit anderen Rüstungsverträgen und die Absurdität der Aufrechterhaltung nuklearer Arsenale in einer Welt, die stärker vernetzt und gegenseitig abhängiger ist denn je, tragen zu dieser Tendenz bei“, sagte Ware. Eine Konvention zum Verbot von Atomwaffen ist das Hauptziel der ICAN. 

Das internationale humanitäre Völkerrecht – eine Herausforderung an die Atomwaffen

 

Immer mehr wird das Augenmerk auf die Unrechtmäßigkeit von Atomwaffen gelenkt. „Wir haben den Internationalen Strafgerichtshof“, sagte Tim Wright von ICAN Australien den Zuhörern im Ökumenischen Zentrum in Genf. „Wir müssen unsere Führungspersonen daran erinnern, dass sie, sollten sie eine Atomwaffe einsetzen, sich dort wiederfinden würden.“

 

Wright forderte die zivilgesellschaftlichen Gruppen auf, die Atomwaffen auf der Grundlage des internationalen humanitären Völkerrechts zu hinterfragen, sich aus Firmen zurückzuziehen, die an der Herstellung atomarer Rüstung beteiligt sind, und die Atomwaffenstaaten direkt herauszufordern, da sie rechtlich dazu verpflichtet sind, nukleare Abrüstung zu betreiben, stattdessen jedoch ihre Arsenale modernisieren.

 

„Weniger, aber neuer“ – so beschrieb die Gesprächsteilnehmerin Jackie Cabasso von der Western States Legal Foundation mit Sitz in den USA das Problem der Modernisierung. In den USA wurden kürzlich mehr als 200 Milliarden US-Dollar für die Aufwertung und Ausweitung des gesamten Nuklearkomplexes der USA zugesagt. Die Gelder wurden bewilligt, um die Unterstützung beider Parteien für den letztjährigen neuen START-Vertrag zwischen den USA und Russland zu gewinnen. Dieser Handel verwandelte einen bescheidenen Vertrag zur Rüstungsreduktion in eine kostspielige „Anti-Abrüstungs“-Maßnahme, sagte sie.

 

Gesprächsteilnehmerin Alice Slater von der Nuclear Age Peace Foundation legte den Schwerpunkt auf die Kosten und Konsequenzen der Atomenergie. Das Erdbeben, der Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima, Japan, dieses Jahr stellen die 500 Atomreaktoren in 30 Ländern in Frage, und 60 weitere Anlagen befinden sich im Bau. Jeder einzelne dieser Atomreaktoren ist „eine Bombenfabrik“, sagte Slater.

 

Sie begrüßte die jüngsten Beschlüsse der Regierungen Deutschlands, der Schweiz, Italiens und Spaniens, ihre Atomkraftwerke aufzugeben. Slater führte aus, dass es 3,8 Millionen Windmühlen brauchen würde, um die Hälfte des Energiebedarfs der Welt zu decken. „Angesichts der Tatsache, dass jedes Jahr 7,3 Millionen Autos hergestellt werden, ist es machbar, so viele Windmühlen zu bauen“, sagte sie.

 

Die Bürgermeister von 100 Städten in Japan setzen sich nun dafür ein, dass Nordostasien zu einer nuklearwaffenfreien Zone (NWFZ) wird, sagte Akira Kawasaki von Peace Boat, einer japanischen Nichtregierungs-Organisation. „Solche Zonen sind ein Sicherheitsmodell, das frei von Atomwaffen ist“, sagte er, vor allem für Regionen wie Nordostasien und den Nahen Osten, wo chronisch Unsicherheit herrscht. Sechs weitere Regionen auf der Welt sind bereits durch solche Zonen geschützt.

 

Regina Habel, eine Wissenschaftlerin aus Deutschland, sagte, dass sich Raketen aus denselben Gründen ausbreiten wie Atomwaffen. Eine Begründung, die die Länder für beides jeweils anführen, ist: „Meine sind gut. Eure sind schlecht“, sagte Habel. Wenn ein Land die Reichweite, Manövrierfähigkeit und verborgenen Möglichkeiten seiner Raketen verstärkt, werden seine Gegner möglicherweise durchaus versuchen, es ihm gleichzutun.

 

Auch ist bei den Raketen wie bei den Atomwaffen die größte Militärmacht, die USA, die Haupt-„Triebfeder“. Doch gibt es keinen umfassenden Vertrag, der die Raketen kontrolliert, führte Habel aus. Habel vertritt eine internationale Vereinigung von Ingenieuren und Wissenschaftlern, die gegen Atomwaffen sind.

 

Der ÖRK setzt sich für die vollständige Beseitigung der Atomwaffen ein und unternimmt konkrete Schritte hin auf dieses Ziel, zusammen mit seinen Mitgliedskirchen auf sechs Kontinenten.

 

(*)Jonathan Frerichs ist ÖRK-Programmreferent für Friedensstiftung und Abrüstung. Er ist Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika

 

ÖRK-Projekt: Kirchen für Atomwaffenkontrolle

 

ÖRK-Zentralausschuss, September 2009: Erklärung der Hoffnung in einem Jahr der Chancen: Plädoyer für eine atomwaffenfreie Welt

 

Website der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen

 

Website von Abolition 2000 (auf Englisch)

 

Fotos der Veranstaltung in hoher Auflösung können kostenlos angefordert werden unter: photos.oikoumene.org