18.08.11 13:30 Alter: 200 days

Gedanken zur Tragödie in Norwegen

 

Olav Fykse Tveit. Foto: Nikos Kosmidis/ÖRK

In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit der Welt sich auf den 10. Jahrestag des 11. September 2001 richtet, denkt ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit darüber nach, was wir aus den jüngsten Terroranschlägen in seiner Heimat lernen können.


Reflexion von Olav Fykse Tveit *

 

In der zweiten Julihälfte war ich im Sommerurlaub und habe Zeit mit Familienangehörigen, ehemaligen Kollegen und Kolleginnen und Freunden in meiner Heimat Norwegen verbracht. Am 22. Juli war ich in Oslo und gerade, als ich wieder abfahren wollte, hörte ich die schreckliche Nachricht von den vielen Todesopfern in der Hauptstadt und im Jugendlager auf der Insel Utøya.

 

Wie viele Norweger kannte ich einige der Opfer und ihre verzweifelten Familien persönlich. Bei einem der in Utøya ermordeten Jugendlichen handelte es sich um den Sohn eines norwegischen Regierungsbeamten, der mich nur wenige Monate zuvor im Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf besucht hatte. Wie viele Norweger habe ich immer noch Mühe zu begreifen, dass all dies wirklich geschehen ist.

 

Der Mann, der sich zu diesem Blutbad bekannt hat, erklärt, er habe dies getan, um die „christliche Kultur“ zu verteidigen. Er ist der Meinung, dass ein „Kampf der Kulturen“ unvermeidlich ist. Er irrt in verbrecherischer Weise.

 

In ihrer gemeinsamen seelsorgerlichen Antwort auf die Tragödie vom 22. Juli haben die norwegischen Kirchen vorgelebt, wie eine wahrhaft christliche Kultur aussieht und wie wahrhaft christliche Werte gelebt werden müssen. Sie arbeiten konkret und sensibel mit Vertretern und Vertreterinnen anderer Religionen zusammen.

 

Die Menschen in Norwegen haben unter Beweis gestellt, dass eine gewaltlose Antwort auf Gewalt die stärkste und mutigste Antwort überhaupt darstellt.

 

Ein Bild, das mir immer wieder vor Augen kommt, ist, wie der christliche Pfarrer und der muslimische Imam Seite an Seite am Grab von einem der jüngsten Gewaltopfer stehen. Dieses Bild ging weltweit durch die Medien. Es ist in gewisser Weise zum Wahrzeichen für die Entschlossenheit geworden, eine verantwortliche, solidarische, offene Gesellschaft aufzubauen – und zwar gemeinsam.

 

Viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern haben mir gesagt, dass die positive Reaktion aller Norweger und Norwegerinnen, die ungeachtet ihres Hintergrunds und trotz des Leids, das der Terror gebracht hat, für den Zusammenhalt der Gemeinschaft eintreten, sie zutiefst ermutigt hat.

 

Als Kirchen bekennen wir uns zu unserem gemeinsamen Engagement für einen gerechten Frieden. Das bedeutet, dass wir uns für offene Gesellschaften einsetzen, in denen Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen als Individuen mit Rechten und Pflichten behandelt werden und in denen ungerechtes und sündhaftes Verhalten verurteilt wird.

 

Wir müssen unser Gewissen befragen – im Blick auf das, was wir sagen und auf das, was wir nicht sagen – und den Dialog mit unseren Nachbarn fortführen.

 

In Zeiten wie diesen sind wir aufgerufen, darüber nachzudenken, was der zentrale Wert des Christentums – das Gebot der Nächstenliebe – bedeutet.

 

Wir sehen, wie notwendig dieses in Zeiten des Leids und des Todes ist. Wir sehen, wie sehr wir alle auf gegenseitige Liebe und Achtung angewiesen sind. Wir sehen, wie sehr wir das Gebot der Liebe brauchen, wenn wir uns ehrlich den tief greifenden Herausforderungen stellen, die durch Veränderungen in den Immigrationsmustern und eine zunehmend multireligiöse Gesellschaft entstehen.

 

Für uns alle stellt die menschliche Tragödie vom 22. Juli eine entsetzliche Warnung dar.

 

(*) Pastor Dr. Olav Fykse Tveit ist der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen und ordinierter Pfarrer der Kirche von Norwegen.