10.09.07 15:04 Alter: 4 yrs

Nach Besuch der "Lebendigen Briefe" hoffen sri-lankische Kirchen auf weltweite Aufmerksamkeit für ihr Land

 

Nagamma, eine ältere Tamilin, erzählt der Delegation der "Lebendigen Briefe" vom Tod ihrer Kinder und der Minenexplosion, durch die ihre Enkelin (vorne im Bild) bereits vor der Geburt das Gehör verlor.
Photo: Anto Akkara/ÖRK, in hoher Auflösung erhältlich.

 

von Anto Akkara *

 

Die internationale Gemeinschaft wird sich in diesem September mit der Lage in Sri Lanka befassen, wenn die Europäische Union, wie verlautet, den Fall vor den UN-Menschenrechtsrat bringen wird, ein Gremium, dem Sri Lanka selbst angehört. Die sechste Tagung des Rates findet einen Monat nach dem Besuch eines internationalen ökumenischen Teams in Sri Lanka statt, das Solidarität mit den Kirchen vor Ort zum Ausdruck gebracht hat und sich über deren Friedensbemühungen informierte. Der bewaffnete Konflikt hat in den letzten 25 Jahren 70 000 Menschenleben auf beiden Seiten der ethnischen Trennlinie zwischen Singhalesen und Tamilen gefordert.

 

"Ihr Besuch in dieser kritischen Zeit zeigt uns, dass wir nicht alleine sind. Es macht uns Mut, dass Menschen außerhalb Sri Lankas an die Kirchen und Menschen hier denken", erklärte Pfarrer Jayasiri Peiris, der Generalsekretär des Nationalen Christenrates von Sri Lanka vor der sechsköpfigen Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).

 

Die sri-lankischen Tamilen, zumeist Hindus, machen 18 % der 19 Millionen-Bevölkerung des Landes aus. 70% der Bevölkerung sind Singhalesen, die in ihrer großen Mehrheit Buddhisten sind. Christentum und Islam stellen in Sri Lanka Minderheiten dar.

 

Das Blutvergießen begann 1983, als die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) den bewaffneten Kampf für die Autonomie der tamilischen Gebiete im Norden und Osten des Landes aufnahmen. Im Februar 2002 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, doch der fragile Friedensprozess brach bald in sich zusammen, da beide Seiten die Waffenruhe immer wieder verletzten. Seit November 2005, als der amtierende Premierminister Mahinda Rajapakse mit Unterstützung nationalistischer singhalesischer Gruppen zum Präsidenten gewählt wurde, hat die neu aufflammende Gewalt mindestens 5000 Todesopfer gefordert.

 

Der Besuch des ÖRK-Teams auf der von Krisen heimgesuchten Insel im Indischen Ozean vom 4.-14. August war der erste einer Reihe von Besuchen "Lebendiger Briefe", die im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt (2001-2010) geplant sind. Die Delegation wurde vom Nationalen Christenrat des Landes betreut, dem acht evangelische Kirchen und fünf ökumenische Organisationen angehören.

 

Zur ÖRK-Delegation gehörten Vertreter/innen aus Indonesien (Peggy Adeline Mekel), Kenia (Eunice Kamaara), Südkorea (Bohyuk Suh) und den USA (Jennifer Leath) sowie die ÖRK-Mitarbeiterinnen Aruna Gnanadason (Indien) und Semegnish Asfaw (Äthiopien). Der gastgebende nationale Kirchenrat war durch seinen leitenden Mitarbeiter Santha Fernando vertreten.

 

Das ÖRK-Team durchquerte den ganzen unruhigen Norden und Osten der Insel, wo es mit kirchenleitenden Verantwortlichen, sozial Engagierten, Vertretern/innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Gruppen, leitenden buddhistischen Vertretern und zwei Ministern der srilankischen Regierung zusammentraf. Die Teammitglieder machten sich ein Bild von der Menschenrechtslage, den kirchlichen Friedens- und Versöhnungsbemühungen und den Erwartungen, die religiöse und zivilgesellschaftliche Akteure an die internationale Gemeinschaft haben.

 

Mannar und Batticaloa

 

"Wir freuen uns, dass Sie hierher gekommen sind, um sich ein Bild von unserer Lage zu machen", sagte der katholische Bischof von Mannar, Rayappu Joseph, der ÖRK-Delegation zur Begrüßung. Mannar, im Nordwesten des Landes, ist ein mehrheitlich von Tamilen besiedelter Bezirk, der zur Hälfte von der LTTE kontrolliert wird. Die ÖRK-Delegation traf dort mit Opfern des Konflikts zusammen: Witwen und Mütter berichteten ihnen von den schwierigen Bedingungen, unter denen sie leben, seit ihre Männer und Söhne im Kampf gefallen sind oder vermisst werden.

 

Die Delegation traf auch mit Nicholas Pillai, dem Leiter der lokalen Verwaltungsbehörde zusammen. Er unterstrich die wichtige Rolle, die Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen bei der Unterstützung der zivilen Opfer des Konflikts spielen. Auch die Kirchen beteiligen sich an diesen Anstrengungen. So hat die Kirche von Bischof Joseph ein Stück Land zur Verfügung gestellt und den Bau von Unterkünften für 400 binnenvertriebene Familien unterstützt.

 

Von Mannar reiste die ÖRK-Delegation weiter nach Batticaloa an der Ostküste, wo Regierungstruppen im letzten Jahr tamilische Rebellen aus ihren Hochburgen vertrieben haben. Im Rahmen dieser Operation waren auch mehr 300 000 Zivilpersonen vertrieben worden.

 

Der Besuch in der Region Vaharai, die vor kurzem von Regierungstruppen eingenommen wurde, führte den Teammitgliedern das unendliche Leid des Krieges vor Augen. Der Armeebeschuss traf sogar Häuser, die für Opfer des Tsunami gebaut worden waren. Dieser hatte das Gebiet im Dezember 2004 verwüstet, 30 000 Todesopfer gefordert und fast eine halbe Million Menschen obdachlos gemacht.

 

In Batticaloa stattete die Delegation der Inter-religious Association for Peace (Interreligiöse Friedensvereinigung) einen Besuch ab, zu der sich leitende Mitglieder der anglikanischen, methodistischen und katholischen Kirche sowie Hindus und Bürgerrechtler/innen zusammengeschlossen haben. Sie äußerten sich besorgt über das Schweigen der internationalen Gemeinschaft angesichts der Lage im Land. "Wie viele Entführungen, Morde und Gewalttaten muss es noch geben, bevor etwas geschieht?", fragten sie die Mitglieder der ÖRK-Delegation.

 

Die Halbinsel Jaffna

 

Die Halbinsel Jaffna am nördlichen Rand Sri Lankas ist das Kernland der Tamilen. Mehr als 40 000 sri-lankische Soldaten sind dort stationiert, um die Kontrolle der Regierung über die fast ausschließlich tamilische Bevölkerung von einer halben Million Menschen sicherzustellen.

 

"Ihr Besuch macht uns Mut in diesen schwierigen Zeiten", begrüßte der methodistische Pfarrer S. K. Kadirgamar, Präsident der Jaffna Christian Union (JCU), die Delegation. Der JCU gehören Anglikaner, die Diözese Jaffna der Kirche von Südindien, Methodisten und die Heilsarmee an.

 

Während des Waffenstillstands hatten sich die Lebensbedingungen verbessert, aber vor einem Jahr sperrte die Regierung - aus Sicherheitsgründen, wie es hieß - eine wichtige Straße, die dieses Gebiet mit dem Rest des Landes verbindet. Seither ist das Leben härter geworden, da die Preise für Nahrungsmittel, die nur noch per Schiff geliefert werden können, explodiert sind.

 

In Jaffna traf das ÖRK-Team mit Vertretern/innen des People's Council for Peace and Goodwill (Volksrat für Frieden und guten Willen) zusammen. Nach Ansicht der Organisation hat die Politik der Regierung, die der Sicherheit der Streitkräfte Priorität einräumt, zur Folge, dass die Bedürfnisse der Menschen ignoriert werden. Das bedeutet, dass die Zivilbevölkerung massive Einschränkungen und Demütigungen hinnehmen muss.

 

Die Regierungstruppen sichern strategische Abschnitte des Küstengebiets, um Angriffe der LTTE zu verhindern. Dadurch beschränken sie aber auch den Zugang der Fischer zu diesen Gebieten, sodass der Hauptwirtschaftszweig der Halbinsel Jaffna schwer gelitten hat. Viele Menschen sind vertrieben worden und nun von Hungersnot bedroht. Hinzu kommt, dass Entführungen und Morde an Zivilpersonen durch unbekannte Bewaffnete Panik unter der Bevölkerung schüren.

 

Die Kirchen setzen sich auf der Halbinsel aktiv für Kriegsopfer, Binnenvertriebene sowie Gemeinschaften ein, die 2004 von dem Tsunami heimgesucht wurden. Die JCU organisiert in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Christenrat Friedens-Workshops. Kirchliche Schulen sind dazu übergangen, die Kinder mit Mahlzeiten zu versorgen. Im Flüchtlingslager Eriuganiman bietet die JCU Schulunterricht für Kinder und Kurse für arbeitslose Frauen an. Die Diözese Jaffna der Kirche von Südindien betreibt zwei Krankenhäuser, ein Berufsausbildungszentrum für Kinder und ein Zentrum für die berufliche Wiedereingliederung von Witwen.

 

Herausforderungen für die Zukunft

 

Eine der Herausforderungen, die das ökumenische Team identifiziert hat, liegt in den innerkirchlichen ethnischen Spaltungen. Da das Christentum die einzige Religion ist, der sowohl Tamilen als auch Singhalesen angehören, gelingt es den Kirchen allzu oft nicht, mit einer Stimme zu sprechen, z.B. wenn es darum geht, konkrete Wege zur Beilegung des Konflikts zu nennen. Einige von ihnen sprechen sich für ein föderalistisches System oder aber Machtteilung aus, andere sind dagegen. Gleichzeitig gibt die Teilnahme beider ethnischer Gruppen am kirchlichen Leben den Kirchen aber auch die Chance, eine versöhnende Rolle zu spielen. Und tatsächlich ist es so, dass Angehörige beider Ethnien vor Ort in vielen Bereichen zusammenarbeiten.

 

Eine weitere Herausforderung besteht darin, in einem Kontext starker singhalesisch-buddhistischer Vorherrschaft die Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen zu verbessern. Der katholische Erzbischof von Colombo, Oswald Gomis, sowie andere Verantwortliche in den Kirchenleitungen betonten die Notwendigkeit, mit gemäßigten buddhistischen Partnern in Dialog zu treten. Ein Antikonversionsgesetz, das 2004 im Parlament eingebracht wurde und über das noch weiter beraten wird, stellt eine Bedrohung für nicht-buddhistische Gruppen dar.

 

Menschenrechtsverletzungen gibt es sowohl auf Seiten der Regierungstruppen als auch der Separatisten. Die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten durch bewaffnete tamilische Gruppen stellt für die Kirchen ein schwerwiegendes Problem dar, da sich dadurch eine Kultur der Gewalt verfestigt. Immer häufiger werden Frauen Opfer von Vergewaltigungen und Belästigungen, insbesondere in Gebieten unter der Kontrolle der Regierung. Inmitten einer zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft, in der beide Seiten den Krieg als einzigen Ausweg ansehen, setzen sich alle Kirchen nachdrücklich für eine friedliche Beilegung des Konflikts ein.

 

"Für uns war es sehr schmerzlich zu sehen und zu spüren, wie die Gewalt Ihr wunderschönes Land zerstört", erklärte Eunice Kamaara, die im Namen des Teams der "Lebendigen Briefe" das Wort auf einer Tagung des Nationalen Christenrats in Colombo ergriff. "Aber wir waren zutiefst beeindruckt von der gewaltigen Arbeit, die die Kirchen geleistet haben", fügte sie hinzu. "Obwohl die Christen nur eine kleine Minderheit in einer feindseligen Umgebung sind, helfen die Kirchen den Menschen, in einer hoffnungslosen Situation nicht den Mut zu verlieren. Dadurch werden sie zu einem Hoffnungsstrahl in dunkler Zeit."

 

Die "Lebendigen Briefe" sind in ihre Länder und Kirchen zurückgekehrt. Die sri-lankischen Kirchen haben ihnen die Bitte anvertraut, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Lage in ihrem Land zu lenken und die Kirchen in aller Welt aufzurufen, für ihr Land - das einmal als Perle des Indischen Ozeans bekannt war - zu beten.

 

(*) Anto Akkara ist ein freiberuflich arbeitender Journalist aus Bangalore, Indien, und arbeitet derzeit als Korrespondent für Ecumenical News International (ENI).

 

 

Fotogalerie zum Besuch der "Lebendigen Briefe"

 

Hintergrundinformationen über den ÖRK und Sri Lanka (Pressemitteilung vom 31. Juli 2007)

 

Hintergrundinformationen über die Besuche der "Lebendigen Briefe"

 

Website des Nationalen Christenrats von Sri Lanka

 

Artikel von Ecumenical News International zu dem Besuch der "Lebendigen Briefe" in Sri Lanka:

 

War-damaged Jaffna church becomes peace centre

 

Churches fail if they can't stop violence, says Sri Lanka bishop