01.10.09 17:40 Alter: 2 yrs

Schwerter zu Pflugscharen, Gewehre zu Arbeitsgerät

 

Mozambique

Das Team der Lebendigen Briefe traf Cristovao "Kester" Estevao, der an einem Friedensdenkmal im Hafengebiet in der Bucht von Maputo arbeitet. Das Kunstwerk stellt eine riesige Erdkugel und eine Taube dar, die vollständig aus Teilen unschädlich gemachter Schusswaffen aus dem TAE-Programm gebaut sind. Foto: Juan Michel/ÖRK

Von Juan Michel (*)

 

Siebzehn Jahre nach Beendigung des Krieges in Mosambik sind die Kirchen immer noch dabei, Waffen einzusammeln und zu zerstören und ganze Gebiete von nicht explodierten Kampfmitteln zu räumen, damit das Land wieder bebaut werden kann.

 

Wenn bewaffnete Konflikte zu Ende gehen, verliert die Welt meist ziemlich schnell das Interesse an den betroffenen Gebieten. Der Wiederaufbau kann allerdings sehr lange Zeit in Anspruch nehmen. Die Kirchen in Mosambik wissen das nur allzu gut, wie ein Team der Lebendigen Briefe Ende Juli erfuhr. Die Lebendigen Briefe sind kleine ökumenische Teams, die im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) Kirchen besuchen, die sich für den Frieden einsetzen.

 

Samstags frühmorgens verlies das dreiköpfige Team von Kirchenvertretern/innen aus Portugal, der Schweiz und Brasilien die Hauptstadt Maputo in Richtung Chinhangwanine in Malengani, einer Gemeinde in einem ländlichen Gebiet, die rund 90 Kilometer nordwestlich von Maputo liegt. Dort erlebten die Teammitglieder eine Aktion des Programms "Schwerter zu Pflugscharen" mit, das vom Christenrat von Mosambik (CCM) durchgeführt wird.

 

Ein Bauer hatte eine Bombe entdeckt, die viele Jahre zuvor über dem Gebiet abgeworfen worden war und jetzt halb vergraben in einem Feld lag, das er bebauen wollte. Die Bombe wurde zusammen mit einer Reihe von Gewehren und Munition, die in dem Gebiet eingesammelt worden waren, in einer kontrollierten Sprengung zerstört.

 

Das kirchliche Programm "Schwerter zu Pflugscharen" – das nach seinem portugiesischen Namen "Transformaçao de Armas en Enxadas" als TAE-Programm bekannt geworden ist – wurde 1995 initiiert, drei Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens, das den 17-jährigen Bürgerkrieg beendete. Der Name des Programms, der wörtlich übersetzt "Verwandlung von Waffen in Gartenhacken" bedeutet, ist inspiriert von der Vision des Propheten Micha: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen."

 

Kurz nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1975 brach in Mosambik ein grausamer Bürgerkrieg aus. Eine der Ursachen war Mosambiks Beteiligung am Kampf gegen die Herrschaft der weißen Minderheit im benachbarten Südafrika und in Rhodesien (dem heutigen Simbabwe). Beide Seiten begingen Gräueltaten, von denen auch die Zivilbevölkerung nicht verschont blieb, bis 1991 ein Friedensabkommen geschlossen wurde. Fast eine Million Menschen waren bis dahin durch Krieg und Hungersnöte ums Leben gekommen.

 

Heute erlebt das Land ein rasches Wirtschaftswachstum. Dennoch ist Armut weit verbreitet und mehr als die Hälfte der 22 Millionen Einwohner lebt von weniger als einem US-Dollar pro Tag. Von 2000 bis 2002 wurde das Land von aufeinander folgenden Überschwemmungen und einer schlimmen Dürre heimgesucht.

 

Was tun mit einem Land voller Waffen?

"Dieses Programm war die Antwort auf die Frage ‚Was machen wir mit den Gewehren?’, die viele Menschen nach dem Krieg im Rahmen des kirchlichen Engagements für Dialog, bürgerschaftliche Erziehung und Versöhnung stellten", berichtet CCM-Generalsekretär Dinis Matsolo.

 

Die TAE-Mitarbeitenden gehen in Dörfer und sammeln Waffen ein. Im Gegenzug erhalten die Menschen nichtfinanzielle Hilfsgüter wie Werkzeug, Nähmaschinen, Fahrräder und ab und zu – bei der Aushändigung von besonders vielen Waffen – auch einen Traktor. Das Programm wird von ausländischen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, wie Diakonia (Schweden) und Ehime Global Network (Japan) finanziert.

 

Armando Chauque, Mitglied der Apostolic Faith Church und Leiter der Gemeinde Chinhangwanine, erzählte dem Team der Lebendigen Briefe, dass sie Baumaterialien für den Bau dringend benötigter Schulklassenräume bekommen hätten.

 

"Es ist ein richtiger Kampf, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie die Waffen abliefern", berichtet TAE-Mitarbeiter Luis Nicolau, der seit sieben Jahren für das Programm arbeitet. Das Haupthindernis, so Nicolau, sei, dass die TAE-Mitarbeitenden nicht genügend materielle Anreize bieten könnten. Wenn sie den Menschen nichts geben könnten, seien diese meist nicht bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

 

Nach Nicolaus Angaben sammelte TAE 2008 an die 18 000 Gewehre und andere Waffen ein. Seit das Programm initiiert wurde, wurden weit mehr als 700 000 Stück Waffen und Kriegsmaterial eingesammelt und zerstört.

 

Woher kommen all diese Waffen? In fast drei Jahrzehnten Krieg – über zehn Jahre Unabhängigkeitskrieg, gefolgt von einem 17-jährigen Bürgerkrieg – gelangten, einer Schätzung zufolge, etwa 10 Millionen Schusswaffen in die Hände von Mosambikanern. Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens 1992 waren die Konfliktparteien weit davon entfernt, sich gegenseitig zu vertrauen. Die Folge war, dass viele ihre Waffen nicht aushändigten, sondern lieber vergruben und versteckten.

 

Erst als langsam – und nicht zuletzt dank der Versöhnungsarbeit der Kirchen – Vertrauen aufgebaut wurde, waren die Menschen bereit, die versteckten Waffen auszugraben und abzuliefern. Aber mit der Zeit waren viele Aufbewahrungsorte in Vergessenheit geraten – wenn beispielsweise der einzige Mensch, der sie kannte, starb – und so werden auch heute noch immer wieder Waffenverstecke entdeckt.

 

"Unser Krieg verlief untypisch", meint Boaventura Zita, der Koordinator des TAE-Programms. "Selbst als das Friedensabkommen unterzeichnet war, vertrauten die Aufständischen der Regierung nicht. Deshalb haben sie ihre Waffen versteckt, weil sie glaubten, dass neue Kämpfe ausbrechen könnten. Der Verbleib vieler dieser Waffen ist nach wie vor unbekannt."

 

Projekt Verwandlung

Das TAE-Programm deckt mit 27 Mitarbeitenden das ganze Land ab. Die eingesammelten Waffen und Militär-Gegenstände werden entweder auf dem TAE-Gelände "zerstückelt" oder, wenn es zu viele sind oder kein Transport möglich ist vor Ort gesprengt.

 

Diese Aufgabe übernehmen ausgebildete Techniker der staatlichen Sicherheitskräfte. Nach dem Vertrag, den CCM und Regierung ausgehandelt haben, sind diese nicht befugt, in die Verhandlungen mit den Gemeinschaften einzugreifen oder Personen, die Waffen aushändigen, zu verhören.

 

Manchmal jedoch werden die eingesammelten Waffen nicht einfach zerstört. Viele von ihnen dienen als Ausgangsmaterial für Kunstwerke. Das Team der Lebendigen Briefe traf Cristovao "Kester" Estevao, der an einem Friedensdenkmal im Hafengebiet in der Bucht von Maputo arbeitet. Das Kunstwerk stellt eine riesige Erdkugel und eine Taube dar, die vollständig aus Teilen unschädlich gemachter Schusswaffen aus dem TAE-Programm gebaut sind. Mehrere Künstler haben sich in diesem Teil des Programms in den letzten Jahren engagiert.

 

"TAE ist ein Programm, das Verwandlung anstrebt", betont Matsolo. Aus diesem Grund kauft es die Waffen nicht auf. Statt die Waffen gegen Geld einzutauschen, bietet es Arbeitsgerät als Anreiz an. "Da Frieden nicht eine persönliche Angelegenheit ist, müssen die Gemeinschaften als Ganze angesprochen werden. Deshalb handelt es sich bei den Gütern, die wir als Anreiz verteilen, auch immer um Kollektivgüter", erklärt er. "Unser Ziel ist es, die Gemeinschaften für eine Kultur des Friedens zu mobilisieren und zu sensibilisieren."

 

(*) Juan Michel ist Medienbeauftragter des ÖRK.

 

Besuch der Lebendigen Briefe in Mosambik und Angola

 

Fotogalerie

 

ÖRK-Mitgliedskirchen in Mosambik