24.08.09 17:45 Alter: 3 yrs

Trotz schweigender Waffen: Angolanerinnen leben weiter mit dem Krieg

 

Angola

Eine schwangere Frau sucht in den Straßen Luandas nach Käufern für ihre Fische. Foto: Juan Michel/ÖRK

 

Von Juan Michel (*)

 

Der bewaffnete Konflikt in Angola ist vor sieben Jahren zu Ende gegangen, aber die Folgen des vierzigjährigen Krieges sind auch heute noch spürbar. Und die Frauen scheinen die Hauptlast zu tragen.

 

"Wir leben gegenwärtig nicht in einem offenen Konflikt", berichtet Josefina Sandemba, Pfarrerin der Evangelisch-Kongregationalistischen Kirche in Angola (IECA), einem Team Lebendiger Briefe, die das Land im Namen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) Ende Juli besucht haben, "aber die Waffen fordern in den Gemeinschaften nach wie vor ihren Tribut".

 

Die Lebendigen Briefe sind kleine ökumenische Teams. Im Rahmen der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt reisen sie in verschiedene Teile der Welt, in denen Christen sich für den Frieden engagieren.

 

Als Angola 1975 nach 14 Jahren Krieg die Unabhängigkeit von Portugal erlangt hatte, begann ein 27-jähriger Bürgerkrieg, der Hunderttausende von Menschenleben forderte, unzählige Menschen zu Binnenvertriebenen machte und Wirtschaft und Infrastruktur zerstörte.

 

Trotz des gegenwärtigen Wiederaufbau-Booms, der nach dem Krieg einsetzte, leben in Angola – einem der größten Erdölproduzenten Afrikas – nach Schätzungen der Weltbank zwei Drittel seiner 17,5 Millionen-Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Die Lebenserwartung der Männer liegt bei 41, die der Frauen bei 44 Jahren.

 

"Fast jede Familie ist auf die eine oder andere Weise von dem jahrzehntelangen Krieg betroffen. Schwere Traumatisierungen sind daher ein weit verbreitetes Phänomen", erzählt Sandemba, die beim Rat der Christlichen Kirchen in Angola (CICA) für Frauenarbeit zuständig ist.

 

Frauen zahlen laut Sandemba in dieser Lage den höchsten Preis. "Sie leben mit ehemaligen demobilisierten Kämpfern zusammen oder mit Verwandten, die Amputationen oder andere Verletzungen erlitten haben. Außerdem leben sie oft unterhalb der Armutsgrenze."

 

In Luanda, der Hauptstadt des Landes, "verlassen die Frauen normalerweise schon morgens um 3 Uhr das Haus und gehen oft durch die ganze Stadt, um nach Sachen zu suchen, die sie verkaufen können. Manche sind schwanger und viele tragen ihre kleinen Kinder mit sich herum", erklärt sie. "Wenn sie gegen 10 Uhr abends nach Hause kommen, haben sie vielleicht 200 Kwanza (weniger als 3 US-Dollar) verdient, aber wenn es nicht gut gelaufen ist, kann es auch sein, dass die Familie an dem Tag nichts zu essen bekommt."

 

Harte, erschöpfende Arbeit, ohne die sie ihre Familien nicht ernähren könnten, ist nicht die einzige Mühsal im Leben angolanischer Frauen. Obwohl es keine oder nur unzuverlässige Statistiken gibt, ist die Sorge über die zunehmende Gewalt, die Frauen sowohl zu Hause als auch auf der Straße erleiden, weit verbreitet.

 

Paulo de Almeida, der Polizeipräsident des Landes, hat Berichten zufolge erklärt, dass "es täglich zu Vergewaltigungen kommt" und dass dies ein besorgniserregendes und zunehmendes "Phänomen" sei, "das niemand erklären kann". Allerdings scheinen die Frauen auch in ihrer Familie nicht sicherer zu sein.

 

"Das Problem der häuslichen Gewalt nimmt erschreckende Ausmaße an", berichtet Pfarrer José Antonio, der Generalsekretär der Evangelisch-Reformierten Kirche von Angola (IERA). Dies gelte besonders für Luanda, aber auch für andere Orte, fügt er hinzu.

 

Die Ursachen für die zunehmende Gewalt sind komplex. "Der Krieg hat viel Elend hinterlassen und sich auch auf unsere Kultur ausgewirkt. Gewalt in der Familie ist eine der Folgen", erklärt Pfarrer Rui García Filho, der Generalsekretär der Evangelisch-Baptistischen Kirche in Angola.

 

Die Nachkriegszeit "hat eine Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen mit sich gebracht", bemerkt Noé Alberto von der Mennonitischen Kirche, der die Abteilung der CICA für Gerechtigkeit und Frieden leitet. Männer, die sich schwach und machtlos fühlten, empfänden die aktive Rolle ihrer Frau als Bedrohung für ihre Identität, und Gewalt erscheine in diesen Fällen allzu oft als die einfachste Lösung.

 

Partei ergreifen für die Frauen

 

Im Herzen Petrangols, eines Armenviertels mit holprigen und staubigen Straßen am Stadtrand von Luanda, dringt aus dem Hauptbüro der Christlichen Verbände Junger Frauen (CVJF) lautes Lachen. Rund fünfzehn junge Frauen nehmen dort begeistert an einem Alphabetisierungskurs teil.

 

Mariana Afonso, 24-jähriges Gemeindemitglied der IERA und fünffache Mutter, erzählt dem Team der Lebendigen Briefe, welch großen Unterschied es für sie macht, dass sie jetzt lesen kann. "Ein Mann zeigt seiner Frau viel mehr Achtung, wenn sie lesen kann." "Und man braucht niemandem mehr zu glauben, der einen anlügt", fügt eine andere junge Frau hinzu.

 

"Sie lernen nicht nur lesen und schreiben, sondern diskutieren auch über soziale Probleme und suchen gemeinsam nach Lösungen", berichtet Alphabetisierungslehrerin Juliana Feliciano von der IECA. "Ich helfe ihnen, Dinge zu entdecken, die sie eigentlich bereits kennen", betont Feliciano, die ihre Rolle eher als die einer Beraterin sieht.

 

Lese- und Schreibförderung sind wichtig in einem Kontext, in dem Krieg, Armut und kulturelle Strukturen, die Jungen privilegieren, die Ausbildung von Mädchen in den Hintergrund drängen. Die CICA führte bis 2007 ein auf drei Jahre angelegtes Programm "Alphabetisierung für sozialen Wandel" mit Gruppen in 13 Provinzen durch.

 

Mittelknappheit ist ein allgegenwärtiges Hindernis. Die psychosoziale Arbeit der Frauenabteilung zur Behandlung von Kriegstraumata ist reduziert worden und ihr Projekt eines Therapiezentrums erfordert mehr Unterstützung durch Geber. "Die internationale Gemeinschaft sieht Angola zwar als reiches Land, aber den Gemeinschaften fehlt es am nötigsten, und die von den Gebern gestellten Bedingungen berücksichtigen oft nicht die Realität, in der wir leben", erklärt Antonio Lopes, der Direktor für Nothilfe und Entwicklungsarbeit der CICA.

 

Die Frauenabteilung der CICA bietet derzeit Kurse zur Führung von Kleinbetrieben und Mikrokredite sowie Seminare zur Gleichberechtigung der Geschlechter an, die in den Räumen ihrer Mitgliedskirchen stattfinden. "Da die Vormachtstellung von Männern über Frauen auch heute noch Fakt ist, müssen wir, wenn wir Gewalt in der Familie überwinden wollen, mit den jungen Generationen arbeiten", erklärt Sandemba.

 

Trotz der vielen Schwierigkeiten ist der Generalsekretär der CICA, Pfarrer Luis Nguimbi, optimistisch. "Als die Waffen sprachen, haben die Kirchen einen Beitrag zum Frieden geleistet. Heute kämpfen die Kirchen gegen häusliche Gewalt – auch das wird Teil der Geschichte werden."

 

(*) Juan Michel ist Medienbeauftragter des ÖRK.

 

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