30.09.10 17:31 Alter: 1 yrs

Hauptredner aus Nigeria und Palästina setzen Schwerpunkte auf der ÖRK-Advocacy-Woche bei den Vereinten Nationen

 

S.E. Botschafter Afif Safieh spricht zum Thema Palästina und Israel auf der ÖRK-Advocacy-Woche bei den Vereinten Nationen, Montag, 27. September, in Genf, Schweiz.

“Wir hoffen, aus den Lektionen der Geschichte zu lernen,” sagte Oluwarotimi Akeredolu aus Nigeria den versammelten Aktivisten auf der sechsten der alljährlich stattfindenden ÖRK-Advocacy-Woche bei den Vereinten Nationen (27. September bis 1. Oktober), die von der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) veranstaltet wird. Zum ersten Mal findet die Advocacy-Woche in Genf und nicht in New York statt, parallel zur 15. Sitzung des UNO-Menschenrechtsrates in der Schweizer Stadt.

 

Rund 120 Vertreter aus verschiedenen ökumenischen, kirchlichen und interreligiösen Gremien und Netzwerken wohnen der eine Woche dauernden Veranstaltung am Hauptsitz des ÖRK im Ökumenischen Zentrum in Genf bei.

 

Akeredolu, ehemals Präsident der nigerianischen Anwaltskammer, teilte das Podium mit dem anderen Hauptredner Afif Safieh, einem früheren palästinensischen Botschafter in der Russischen Föderation, im Vereinigten Königreich, in den USA und im Vatikan.

 

Der Redner aus Nigeria hielt fest, dass zu viele afrikanische Politiker das Gebaren der Kolonialbehörden übernommen hätten, die die Bevölkerung durch die Strategie “teile und herrsche” manipuliert hatten. Trotz der Unabhängigkeit “wurden Systeme etabliert, die die Realität der Menschen völlig außer Acht ließen”. Nigeria, eine “Nation von Nationen, mit Vielfalt gesegnet” und bestehend aus rund 250 verschiedenen ethnischen Gruppen, ist gezeichnet von einer “Marginalisierung der Minderheiten”, dem “Hochspielen der Mittelmäbigkeit” in der Regierung, von “Vetternwirtschaft” und einer “schamlosen Missachtung der Sehnsüchte und Bestrebungen der Wähler”.

 

Akeredolu beschrieb die Korruption der Politiker als “zerstörerische Krankheit”, die die Gesellschaft infiziert. Er fügte hinzu, dass er beständig für sein Land bete, dass “Gott Nigeria heilen möge!”

 

“Die Politiker ersinnen abwegige Pläne, um ethnische Gruppen von einer friedlichen Koexistenz abzuhalten,” fuhr er fort, doch die Medien der Welt stellten oft den sich daraus ergebenden Konflikt zu vereinfacht als eine potenziell völkermörderische Konfrontation zwischen Christentum und Islam dar. Am Beispiel der Region Jos warnte Akeredolu, man dürfe die religiöse Dimension des Problems nicht isoliert von einer breiteren Analyse der Ethnizität, von Fragen der Bürgerrechte und konkurrierenden Rechtsansprüchen betrachten. Nur durch die Überwindung der wahren Gründe der Uneinigkeit könne Nigeria “ein neues Engagement für die gemeinsame nationale Aufgabe” aufbauen.

 

Botschafter Safieh bemerkte, das Problem der Palästinenser sei nicht die koloniale Hinterlassenschaft, sondern “der Prozess der beschleunigten Kolonisierung”, wie er sich in den besetzten Gebieten heute zeige. In seiner Rede unmittelbar nach der Entscheidung der israelischen Regierung, den zehnmonatigen Baustopp jüdischer Siedlungen im Westjordanland nicht fortzusetzen, bekräftigte Safieh, “Palästina steht vor einer schwierigen Entscheidung - ob es an den Verhandlungstisch zurückkehren soll.”

 

Bis jetzt, so Safieh, habe meist der nationale Wille Israels Vorrang gehabt vor dem internationalen Willen, wie er in den UNO-Resolutionen zum Ausdruck kommt oder in der road map unter der Oberaufsicht des “Quartetts”, dem die Leitung des Friedensprozesses obliegt. Das Quartett besteht aus der UNO, der Europäischen Union, der Russischen Föderation und den USA.

 

“Aber das Quartett ist jetzt eigentlich nur noch ein Ein-tett,” sagte Safieh, “ein ein- oder mono-polares System”, das von den Vereinigten Staaten dominiert wird. Und was die Politik im Nahen Osten anbetrifft, so fügte er hinzu, “leiden die USA an einer selbstverschuldeten Ohnmacht. Sie haben gerade mal so viel politisches Gewicht wie Luxemburg oder Liechtenstein.” Die israelisch-palästinensischen Friedensverhandlungen, so gab er zu bedenken, seien “eine ständige Bewährungsprobe für die politische Beherztheit”. Und er warnte, dass, während die palästinensischen Verhandlungspartner in der jüngsten Vergangenheit “geradezu unvernünftig vernünftig” gewesen seien, “nun keine Flexibilität mehr da ist”.

 

Safieh rief die Kirchen der Welt dazu auf, “sich in der amerikanischen Gesellschaft einzusetzen” für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina. Er sah Anzeichen für ein “Wiedererwachen des amerikanischen Idealismus”, eine jüdische Weltgemeinschaft, der die israelische Politik in den besetzten Gebieten nicht zusagt, und ein tief besorgtes Pentagon darüber, dass die Verhältnisse in Palästina das hauptsächliche “Rekrutierungspotenzial für Extremisten” in den muslimischen Ländern liefern.

 

Auf die Frage nach der Forderung nach einem “Recht auf Rückkehr” der Palästinenser entgegnete er, ein solches Recht könne ausgelegt werden als eine Rückkehr in ein Zuhause, in eine Heimatstadt oder ein Heimatland (wie das die Zwei-Staaten-Lösung für Palästina vorsah). “Wir werden diese drei Rechte ausüben,” sagte er, “in unterschiedlichem Mabe.”

 

In ihren Schlussbemerkungen verwiesen beide Redner auf Zeichen der Hoffnung. Akeredolu schaute voraus auf die nationalen Wahlen Mitte 2011 in der Erwartung, dass sie frei und fair sein und eine Führung hervorbringen mögen, die Nigeria zur “Einheit in seiner Vielfalt” aufruft.

 

Safieh, der einräumte, dass “die Geschichte bedauerlicherweise ein Friedhof der unterdrückten Menschen ist”, bekräftigte nichtsdestotrotz, “die Geschichte braucht unsere Hilfe, um die richtige Entscheidung zu treffen” im Blick auf die erwarteten Ergebnisse. Er schloss vor einer vorwiegend christlichen Zuhörerschaft mit den Worten: “Ich glaube aber, dass Palästina am Ende auferstehen wird. Sie wissen ja, dass wir in Palästina Erfahrung mit der Auferstehung haben!”