2003: Sudan, Afrika - Heilung und Versöhnung

Das Jahresthema der Dekade zur Überwindung der Gewalt lautet "Heilung und Versöhnung"; geographischer Schwerpunkt ist Afrika und speziell der Sudan.
Nach fünf Jahrzehnten Krieg stellt sich der Frieden nur langsam in dieser tief gespaltenen Gesellschaft ein, in der die Menschen sich nach Heilung sehnen. Sie finden auf dieser Seite einen kurzen Überblick über die Lage im Sudan, der auch eine Vorstellung von den Hoffnungen der Menschen dort vermittelt und von den Heilungs- und Versöhnungsaufgaben der sudanesischen Kirchen. Auch die aktuellen Bemühungen der Kirchen um Heilung und Versöhnung werden erwähnt.

Der Sudan im Überblick

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Der Sudan ist das größte und mit seinen Wüsten, Gebirgszügen, Sümpfen und Regenwäldern eines der vielfältigsten Länder Afrikas. Sein Name kommt aus dem Arabischen: bilad al-sudanbedeutet Land der Schwarzen. Das Arabische ist Amtssprache und der Islam Staatsreligion, doch die Bevölkerung setzt sich zu einem großen Teil aus Nichtmuslimen zusammen, deren Muttersprache nicht das Arabische, sondern eine der über 100 im Lande gesprochenen Sprachen ist. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeit wurde der Sudan von Ägypten und Großbritannien regiert, die das Erbe des Kolonialismus und ein gespaltenes Land hinterließen.

Abgesehen von einer elfjährigen Friedenszeit 1971 bis 1982 wird der Sudan seit der Unabhängigkeitserklärung vom Bürgerkrieg zerrissen. Dieser wahrscheinlich längste und zerstörerischste Bürgerkrieg der neueren Geschichte forderte bisher über zwei Millionen Tote und führte zur Vertreibung von mehr als vier Millionen Menschen. Der Konflikt zwischen der Regierung im Norden und den Unabhängigkeitsbewegungen im Süden sowie die verheerenden bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den kriegführenden Parteien haben das Land in eine äußerst schwierige Lage gebracht, und die Bevölkerung wird immer abhängiger von Hilfe aus dem Ausland.

Der Friedensprozess

In den vergangenen Jahren sind immer wieder Versuche unternommen worden, dem Bürgerkrieg ein Ende zu setzen. Die in Kenia unter der Schirmherrschaft der regionalen Zwischenstaatlichen Entwicklungsbehörde (IGAD) stattfindenden Verhandlungen bieten nach Ansicht Vieler die besten Chancen, die gegenwärtige, seit 1983 anhaltende Phase des Konflikts durch ein Friedensabkommen zu beenden.

Auf Betreiben der USA, Großbritanniens und Norwegens, der so genannten Troika, wurde im Juli 2002 in Machakos (Kenia) ein Rahmenabkommen über friedliche Koexistenz unterzeichnet, das als "Machakos-Protokoll" bekannt wurde. Es wurde zur Grundlage weiterer Friedensgespräche, denn es enthielt zwei wichtige Punkte: Erstens soll im Süden nicht die Scharia eingeführt werden, und zweitens soll ein Friedensabkommen eine sechsjährige Übergangsperiode der nationalen Einheit vorsehen, im Anschluss an die eine Volksabstimmung über die Frage von Einheit oder Sezession entscheidet.

Zu einem wichtigen humanitären Durchbruch kam es im Oktober 2002, als die Regierung des Sudan und die Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung/-armee (SPLM/A) eine Vereinbarung unterzeichneten, in der sie sich bereit erklärten, "in Übereinstimmung mit der Übereinkunft Operation Lifeline Sudan (OLS) ungehinderten humanitären Zugang zu allen Gebieten und zu Menschen in Not" zu gewährleisten. Der Waffenstillstand sollte vom März 2003 bis zum Sommer dauern.

Bei den derzeitigen Verhandlungen stehen die Verteilung der Macht (Regierung, Präsidentschaft) und des Reichtums (Öl, Grund und Boden) sowie das Verhältnis von Religion und Staat und Fragen im Zusammenhang mit den Grenzen und der Sicherheit auf der Tagesordnung.

Im Allgemeinen herrscht der Eindruck vor, dass sich die Friedensgespräche auf dem richtigen Weg befinden, auch wenn einige schwierige Fragen noch zu klären sind. Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen den Waffenstillstand kommen immer wieder vor. Jedoch scheinen die führenden Köpfe der Regierung und der Rebellen auf der einen und der Bevölkerung auf der anderen Seite nunmehr fest entschlossen zu sein, nach so vielen leidvollen Jahren Frieden zu schließen.

Die Kirchen im Sudan

Yirol, South Sudan

Christen gibt es im Sudan seit dem 6. Jahrhundert - also schon mehr als 1000 Jahre vor der Ankunft der ersten europäischen Missionare. Seit den 1890er Jahren kamen Missionare europäischer und nordamerikanischer Denominationen in den Sudan. Damals verbot die (ägyptisch-britische) Kolonialverwaltung die Evangelisierung des vorwiegend von arabischsprachigen Muslimen bevölkerten Nordens, doch im Bildungs- und Gesundheitsbereich durften sich die Missionare betätigen. Im abgespaltenen Süden waren drei Missionswerke tätig, und zwar unter sehr schwierigen Bedingungen aufgrund des Klimas, mangelnder Infrastruktur und des Aufstandes gegen die Regierung im Norden.

Heute gehören dem 1967 gegründeten Sudanesischem Rat der Kirchen (SCC) etwa ein Dutzend Kirchen an, darunter auch die römisch-katholische Kirche, nicht jedoch die Siebenten-Tags-Adventisten. Eine Liste der Kirchen im Sudan ist einzusehen unter http://www.eglisesoudan.org/english/churches.htm

Der jahrzehntelange Bürgerkrieg hat seit 1956 die einstmals klaren geographischen Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen des Sudan - Araber im Norden und Afrikaner im Süden - verwischt, das Land jedoch zutiefst gespalten. 1990 wurde der Neue Sudanesische Rat der Kirchen gegründet, der jenen Menschen und Kirchen dienen sollte, die in den nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten leben. Seinen Sitz hat er wegen des besseren Zugangs zum Südsudan in Kenia.

Kirchen gemeinsam für den Frieden

Die Kirchen im Sudan beteiligen sich, obwohl sie nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung vertreten, aktiv an den Friedensbemühungen. Der Sudanesische Rat der Kirchen (SCC) und der Neue Sudanesische Rat der Kirchen (NSCC) arbeiten im Ökumenischen Forum Sudan (SEF) mit ökumenischen Partnern zusammen. Das Forum wurde Anfang der 1990er Jahre unter der Schirmherrschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) eingerichtet und soll Gespräche zwischen sudanesischen Kirchenvertretern und ihren ausländischen Freunden und Partnern ermöglichen. Das Forum tagte jedes Jahre in der Nähe von Genf sowie im März 2002 in London und im Februar 2003 in Johannesburg. Seine jüngste Erklärung ist einzusehen unter http://www.bradford.anglican.org/worldlinks/sudan/030303forum2.html

Der Mitte der 1990er Jahre im Namen von ökumenischen Partnern aus Europa, den USA und Kanada (und seit 1999 auch aus Afrika) eingerichtete Sudan Focal Point ist ein weiteres ökumenisches Gremium, das sich durch Information, Analyse und Fürsprache für Frieden und internationale Solidarität einsetzt.

Diese ökumenischen Netzwerke arbeiten seit Jahrzehnten mit führenden Persönlichkeiten aus Kirche, Zivilgesellschaft und Staat zusammen, um die Parteien zu bewegen, sich auf einen Friedensprozess zu einigen.

Der ÖRK arbeitet seit vielen Jahren mit sudanesischen Kirchen zusammen und unterstützt sie seit langem bei ihren mutigen und entschlossenen Bemühungen um Frieden vor Ort. Zusammen mit der Gesamtafrikanischen Kirchenkonferenz (AACC) und dem Nationalrat der Kirchen in Kenia (NCCK) fördert er die Einheit der Kirchen und ihr Zeugnis für Menschenrechte und Frieden. Der AACC und der ÖRK spielten als Vermittler eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen, die 1972 zum Friedensabkommen von Addis Abeba führten. In jüngerer Zeit ernannte das Forum einen ökumenischen Gesandten, der an den Friedensgesprächen teilnahm. ÖRK-Direktor Sam Kobia, der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs für Afrika, nahm an mehreren Tagungen im Umfeld der Friedensgespräche teil und traf mit Vertretern von Kenia, Großbritannien und Norwegen zusammen, den drei Ländern, die die Friedensgespräche leiten.

Das ökumenische Hilfswerk Kirchen helfen gemeinsam (ACT) ist seit vielen Jahren für die notleidende sudanesische Bevölkerung tätig. Kürzlich erließ ACT einen Spendenaufruf für ein Minenräumungsprojekt in nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten des Sudan. Weitere Informationen sind einzusehen unter http://www.act-intl.org

Zu den weiteren Akteuren der langfristigen Friedensbemühungen vor allem seit dem erneuten Ausbruch des Krieges gehören die Operation Lifeline Sudan, die Friedensinitiative von Nairobi, das Carter Center in Washington DC, die Gemeinschaft von St. Egidio in Rom und Peoples of Peace, Nairobi.

Stimmen aus den Kirchen

Enock Tombe, Generalsekretär des Sudanesischen Rates der Kirchen (SCC)

Wir alle sehnen uns nach Gerechtigkeit, wir alle sehnen uns nach Frieden, und wir alle fürchten Gott. Der SCC setzt sich seit 1994 für den Frieden ein. […] Deshalb haben wir nun das Ökumenische Forum Sudan (SEF), in dessen Rahmen wir mit unseren Partnern zusammentreffen. Der SCC ist lange allein gewesen; heute gibt es auch den Neuen Sudanesischen Rat der Kirchen (NSCC). Wir müssen uns gemeinsam für den Frieden einsetzen.

1996 veröffentlichten wir eine gemeinsame Erklärung mit dem Titel "Vereint auf dem Weg zum Frieden". Die Kirchen sagen, dass sie trotz der Spaltungen gemeinsam für den Frieden arbeiten wollen. […] Wir wollen des Weiteren, dass die Beteiligten den Konflikt gewaltfrei beilegen, anstatt zu kämpfen. Keine Partei kann diesen Krieg gewinnen, denn er dauert schon zu lange an. […]

Unsere Pläne für die Zeit nach dem Krieg liegen bereits vor. Ein Dokument mit dem Titel "Wiederaufbau und Entwicklung im südlichen Sudan nach dem Konflikt" wurde im Anschluss an die Friedensgespräche in Abuja 1992 ausgearbeitet. […] Wenn ein Friedensabkommen unterzeichnet wird, könnte der SCC seinen Arbeitsschwerpunkt während der ersten Jahre der Umsetzung des Abkommens auf Nothilfe, Rehabilitation und Wiederaufbau verlagern. Ein Abkommen bedeutet natürlich noch lange nicht, dass wirklich Frieden herrscht. Echter Frieden wird erst dann Wirklichkeit, wenn sich die Menschen in einem Referendum entweder für die Einheit des Landes oder für zwei Staaten entschieden haben.

Pfr. Dr. Haruun L. Ruun, Exekutivsekretär, Neuer Sudanesischer Rat der Kirchen (NSCC)

Die Menschen im Sudan haben diesen Krieg mit ihrem Blut teuer bezahlt. Es ist daher an der Zeit, dass sie noch zu ihren Lebzeiten wieder in den Genuss von Frieden und Ruhe kommen. Möge der Segen des Allmächtigen auf jenen ruhen, die die Friedensverhandlungen führen, damit sie bei ihren Gesprächen den Menschen über alle anderen Erwägungen stellen.

Justice Africa im März 2003 in einer Information über den Friedensprozess

Die Chancen eines Abkommens im zweiten Quartal dieses Jahres stehen nicht sehr gut, wenn in den drei marginalisierten Gebieten weiter mit dem Feuer gespielt und das Waffenstillstandsabkommen immer wieder verletzt wird. Weitere Unwägbarkeiten hängen mit dem absehbaren Krieg der USA gegen Irak zusammen. In Khartum sprechen sich starke Kräfte für den Frieden aus, und Präsident Bashir hielt Ende Februar in Paris eine sehr optimistische Rede. In der Zivilbevölkerung und an der Basis der Parteienanhängerschaft ist man nicht gut informiert über die Schritte, die zu einem Abkommen führen.

Der Hauptstrang der IGAD-Friedensgespräche soll am 22. März im Anschluss an eine Debatte über die drei marginalisierten Gebiete wieder aufgenommen werden. Da diese Debatte bislang ergebnislos verlaufen ist, könnte dieser Termin allerdings wieder in Frage gestellt werden. Fortschritte bezüglich der marginalisierten Gebiete sowie bei der anschließenden Diskussionsrunde sind von entscheidender Bedeutung für die Friedenschancen, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die US-Administration nach dem Gesetz zum Frieden im Sudan verpflichtet ist, ihren Kritikern im Kongress Bericht zu erstatten.

Newsletter "Arise", Leitartikel Januar 2003

Da die Zivilgesellschaft eine immer bedeutendere Rolle spielt, wird Friedensschaffung auf zwischenmenschlicher Ebene wichtiger als andere Friedensbemühungen. Die Friedensarbeit von Frauen konzentriert sich auf Friedenskonsolidierung an der Basis, welche nur selten in die Schlagzeilen gelangt. Da über diese Arbeit kaum berichtet wird, entsteht der Eindruck, sie sei folgenlos. Doch wenn wir einige der kleinen Fortschritte sichtbar machen, die auf der Ortsebene zu beobachten sind, dann werden wir sehen, dass wir den "Frieden" weitgehend Frauen zu verdanken haben. […] Frauen sind tatsächlich fähig, uns zu friedfertigeren Menschen zu machen. […]

Wenn in Machakos [bei den Friedensgesprächen] ein gerechter Frieden zustande kommt, dann sollten wir vielleicht die Rolle der Frauen fördern, damit es ein ständiger Frieden wird. […] Es sollte dafür gesorgt werden, dass Frauen bei der Planung nicht mehr diskriminiert werden und dass sie in Führungspositionen aufsteigen können, und insbesondere dafür, dass sie in der Nachkriegszeit im Mittelpunkt aller Versöhnungsprogramme stehen.

Links zu Heilung und Versöhnung

ÖRK-Pressemitteilungen im Zusammenhang mit dem Sudan (2003-2004)

  • 26. April - 9. Mai 2004 : Fotoausstellung über den Konflikt im Sudan:
    Im ÖRK wird eine Fotoausstellung über den Alltag und die Schwierigkeiten der Menschen gezeigt, die aus dem ölreichen, vom Krieg gezeichneten Gebiet am Oberen Nil in Westsudan vertrieben worden sind. Die Ausstellung wurde im Mai 2003 in der Londoner St. Pauls Kathedrale eröffnet. Sie ist ein Gemeinschaftswerk des dänischen Schriftstellers und Fotografen Nicholas Strand und des italienischen Architekten und Set-Designers Lucca Ruzza und wurde von DanChurchAid produziert. Die Ausstellung wird vom 26. April - 9. Mai im Ökumenischen Zentrum, 150 Route de Ferney, gezeigt und ist montags bis freitags von 8.30 - 17.00 Uhr für die Öffentlichkeit geöffnet. Eine Eröffnungszeremonie wird am Montag, dem 26. April stattfinden. Alle sind herzlich eingeladen.

    Weitere Informationen zu dieser Wanderausstellung (auf Englisch):
    http://www.between-the-streams.org